Kommunikation für Christen: Praxis-Tipps vom Schöpfer

Kommunikation für Christen: Gottes Vorbild und mein Handeln …

Kommunikation ist aus christlicher Sicht ein schöpferischer Akt und prinzipielles Merkmal des Lebens. So weit, so abstrakt. Aber wie gelingt Kommunikation für Christen ganz konkret? Diese Frage beantwortet Gott selbst mit seinem Handeln – zum Beispiel ganz am Anfang der Bibel im Buch Genesis:

Kommunikation für Christen: Gott sprach und es wurde

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht.
(Genesis 1, 1
-5)

Und bei der Berufung des Mose im Buch Exodus:

Da sagte Mose zu Gott: Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen darauf sagen? Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der «Ich-bin-da». Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der «Ich-bin-da» hat mich zu euch gesandt. (Exodus, 3, 13+14)

Gott spricht in beiden Texten. Und immer gelingt ihm die Kommunikation geradezu explosiv: In Genesis erschafft er die Welt, in Exodus offenbart er sich den Menschen. Kommunikation bedeutet für Gott: Er greift direkt ein. Der in der Dreifaltigkeit angelegte Kommunikationskreislauf Gottes externalisiert sich und schafft Leben.

Mehr noch: Wenn Gott in der Genesis sagt „Es werde“, ist das im hebräischen Urtext mit demselben Wort ausgedrückt wie das „Ich bin“ im Exodus-Text (im Zitat fett hervorgehoben). Der Schöpfungsakt wird damit direkt auf das Wesen des Schöpfers zurückgeführt: Gott handelt, weil er ist und er kann nur schöpferisch handeln, weil er so ist, wie er ist. Seine Botschaft an Mose lautet also übersetzt: „Es gibt mich und ich habe Euch geschaffen – zieht daraus Eure Konsequenzen!“

Wie also kommuniziert Gott in beiden konkreten Beispielen? Auf keinen Fall wie ein Zeuge Jehovas, der von Tür zu Tür rennt und einem mit dem Wachturm vor’m Gesicht herumwedelt. Das ist keine Option in der Kommunikation für Christen. Gottes Handeln ist von seinem Sein untrennbar.

Gott kommuniziert, indem er ist. Und wir sollten das ebenfalls.

Das mag kompliziert klingen, dürfte aber auch jedem atheistischen Sinnsucher einleuchten: Sinn findet man nur, indem man die Dinge auf das Wesentliche reduziert. Und je wesentlicher etwas ist, desto schwerer wird es in Worte zu fassen. Von menschlicher Seite aus ist Gott nur erlebbar, nicht rational erfassbar, wie ich es hier bereits einmal skizziert habe (Gotteserfahrung ist Perzept, nicht Konzept).

Was heißt das nun konkret auf den Menschen und unsere Kommunikation untereinander übertragen? Auch unsere Kommunikation gelingt nur dann, wenn sie …

  1. … unserem Sein entspricht. Konkretes Beispiel: Auf wen hören wir mehr? Auf die in sich ruhende Großmutter, die leise behutsame Worte spricht oder auf den hyperventilierenden Fernsehprediger mit perfekt sitzenden Bibelsprüchen?
  2. … schöpferisch ist und nicht leer zurückkehrt (vgl. Jes. 55,11). Konkretes Beispiel: Dieser Beitrag von mir zum Katholikentags-Plakat ist erst mal nur eine Kritik. Zu gelungener Kommunikation würde er nur dann, wenn er etwas bewegen würde. Ob das der Fall ist, ist oft aber schwer zu beurteilen, da die Wirkung meist nur im Verborgenen geschieht.
  3. … unser Sein erweitert und ihm entströmt. Konkretes Beispiel: Peter macht am liebsten in Ruhe Bürokram. Beate liebt den Kontakt mit Menschen. Wer ist besser für den Kundenkontakt geeignet? Klar: Beate. Weil sie dann so sein darf, wie sie ist. (Einziges Problem: Manche Leute wissen nicht, wie sie sind. Sie denken, ganz toll mit Menschen umgehen zu können, sind aber dabei ganz arge Schreckschrauben (m/w)).

Man könnte diese Liste noch fortsetzen, doch ich möchte hier im Grunde nur dazu ermutigen, Gottes Beispiel: Erst kommt das Sein, dann kommt die Kommunikation für Christen. Wer (noch) keine Substanz hat, sollte erst einmal daran arbeiten, bevor er/sie die Welt mit seinen/ihren Ergüssen beglückt. In diesem Sinne möchte ich mit der mir lieb gewordenen goldenen Kommunikations-Regel schließen:

„Wenn Du nichts zu sagen hast, dann sag lieber nichts.“

Kommunikation für Christen: Biblische Grundlagen.

Kommunikation für Christen: Kenne die biblischen Grundlagen

Journalisten sind kritische Zeitgenossen und tun sich deshalb meist eher schwer mit Religion und Glauben. Selbst katholische Publizisten haben vor einiger Zeit in einer Umfrage erklärt, nicht ihren Glauben verkünden, sondern lediglich nüchtern berichten zu wollen. Da frage ich nach: Wenn Du nicht schreibst, was Du glaubst, was schreibst Du dann? Ich sage: Kommunikationswissenschaft sollte für Christen eigentlich die Königsdisziplin sein – mindestens gleichauf mit der Theologie. Die Bibel gehört kommunikationswissenschaftlich betrachtet, damit man die Grundlagen seines Tuns versteht. Los geht es mit dem Anfang des Johannes-Evangeliums:

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.  In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.

(Johannes 1, 1-2)

Kommunikation für Christen - Gott ist Kommunikation

Gott ist Kommunikation

Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Kommunikation stand am Anfang der Schöpfung. Gott kommunizierte, ja: Er war Kommunikation. Was das bedeutet, ist vielschichtig:

Zum einen ist das ein Hinweis auf die Dreifaltigkeit Gottes. Dreifaltig, das bedeutet, dass Gott sich in sich selbst genug ist. Er braucht keine Menschen und keine Schöpfung und er braucht sie deshalb nicht, weil er aus einem in sich geschlossenen Kommunikationskreislauf besteht. „Vater“, „Sohn“ und „Heiliger Geist“ – drei inhaltsreiche theologische Begriffe, die an dieser Stelle der Einfachheit halber nur für drei „personalisierte Eigenschaften“ Gottes stehen sollen – sind in erfüllter Kommunikation versunken und existieren ohne Not und Mangel. Deshalb kann man sagen: Gott ist Kommunikation. Nicht ausschließlich natürlich, aber es ist ein wichtiger Aspekt.

Von diesem Grundsatz erzählen die ersten beiden Sätze des Johannes-Evangeliums. Im dritten Satz wird die Schöpfung erzählt: Alles wird geschaffen, wodurch? Wieder durch „das Wort“, die Kommunikation! Diesmal durch die aus der göttlichen Sphäre ausströmende Kommunikation. Wissenschaftlich formuliert hat Gott also einen rein intrinsischen Vorgang externalisiert. Das war neu, kreativ und innovativ. Geschaffen wurde dadurch nicht nur ein Kommunikationsstrom vom Schöpfer aus, sondern alles, was nicht direkt Gott ist: Zeit, Raum, Materie, Leben. Der Moment, in dem Gott die Kommunikation nach außen wandte, war der christliche Urknall.

Hätten wir also Gott und die Schöpfung in vier Sätzen erklärt bekommen. Doch Moment, da steht: „Das Wort war Gott“. Ist Gott also ausschließlich Kommunikation, etwas Unpersönliches? Nein, denn „das Wort“ im griechischen Original heißt „Logos“. Und das bedeutet nicht nur „Wort“, sondern auch „Sinn“ und wurde oft als Synonym für „Gott“ verwendet. Logos, das heißt: manifestiertes, fleischgewordenes Wort. Logos, das heißt kommunikationswissenschaftlich formuliert: Die greifbare und persönliche Externalisierung Gottes in der Schöpfung durch Materie gewordene Kommunikation.

Christen nennen diese „Externalisierung“ Jesus Christus. Vereinfacht gesagt heißt „Das Wort war Gott“ also: „Jesus Christus war Gott.“ Daher gehört Kommunikation für Christen zum Glaubensbekenntnis.

Sternenhimmel Jordanien - Licht und Finsternis

Licht und Finsternis – Der Sternenhimmel über der jordanischen Wüste.

Ein letzter Aspekt: Im Wort war das Leben und das Leben war das Licht. Es leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst. Nachdem bisher nur von Schöpfung und Leben die Rede war, lenkt Johannes nun den Blick auf das Gegenteil: Die Finsternis. Diese ist aber keine Nicht-Kommunikation, sonst wären Schweigemönche arge Ketzer. Nein, die Finsternis wird hier als das Gegenteil von Leben dargestellt. Mehr noch: Als die Umgebung, das externe Umfeld des Lebens. Merken wir was? Das Leben und die Schöpfung verhalten sich zur Finsternis wie sich Gott vor der Schöpfung zu seiner nichtexistenten Umgebung verhalten hat: Die Schöpfung ist wie Gott selbst ein in sich geschlossener Kommunikationskreislauf der allein durch seine Existenz leuchtet und den die Nichtexistenz nicht erfassen kann. Was nun also ist die Aufgabe dieser Schöpfung? Natürlich den Schöpfer zu imitieren: Den intrinsischen Vorgang zu externalisieren, selbst schöpferisch tätig zu sein, Gottes Schöpfung auszuweiten und „die Finsternis“ zurückzudrängen.

Das, liebe Leute, ist Kommunikation für Christen:
Ein leidenschaftlicher Schöpfungsvorgang, der Neues hervorbringt.
Keine neutrale Nabelschau, sondern ein Lebensspendendes Heilsystem.

Moment. System? Alle Soziologen und Kommunikationswissenschaftler unter meinen Lesern sollten nun Schnappatmung bekommen, denn, jawohl: Was hier in Johannes 1, 1-2 kurz und knapp zusammengefasst wird hat der gute Prof. Dr. Niklas Luhmann in über jahrzehntelanger harter Arbeit völlig untheologisch als Beschreibung der menschlichen Gesellschaft ausgearbeitet – nachzulesen in seiner Systemtheorie.

Ich lasse Sie das mal googlen und verabschiede mich für heute bis zum nächsten Mal – denn es gibt noch mehr Lehrstücke aus der Bibel zum Thema „Kommunikation für Christen“.

Herbst in München – Bilder zum aufatmen.

Galerie

Diese Galerie enthält 6 Fotos.

Herbst in München! Von mir aus könnte es dauernd Herbst sein. Der Sommer ist mir zu heiß, der Frühling zu allergisch, der Winter passt scho, aber der Herbst … hach! Einfach mal schnell in den Englischen Garten gewandert und schon … Weiterlesen

Katholikentag 2016: Das Leiden Christi und das ZdK.

Vergangene Woche bekam ich per Post die Einladung zum Katholikentag 2016.

Nun bin ich per se kein Großveranstaltungsmensch und enthalte mich daher normalerweise der Kritik an solchen Veranstaltungen. Ich würde schließlich auch keine Bierkritik von jemandem lesen wollen, der Bier nicht ausstehen kann. Doch dieser Werbebrief war nun so „besonders“, dass ich ihn zumindest mal einem Dreijährigen zeigen musste. Denn alle im Design tätigen Menschen wissen: Kinder haben ein feines Gefühl für das Wesentliche und einen untrüglichen eingebauten Bullshit-Detektor.

KT-Leipzig_Plakat1-Frau-Kritik, Katholikentag 2016

„Mama, warum ist der Frau schlecht?“ fragte das Kind daraufhin seine Mutter. Warum es das dachte, ist schnell erklärt: Die Dame ist grün im Gesicht! Das ist vielleicht ein Wunschtraum von Katrin Göring-Eckart, aber sonst eher weniger gesund. Was wollte mir das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ (ZdK) mit seiner Einladung sagen? „Uns ist schlecht, aber wir kommen trotzdem zum Katholikentag 2016“?

Nun gehe ich einmal optimistisch davon aus, dass die Farben des Bildes nicht aus parteipolitischen Präferenzen heraus ausgewählt wurden (wobei auch das leider möglich ist). Bestimmt wollen sie gemeinsam mit dem Bildmotiv etwas über den Inhalt des Katholikentages und das Leitwort „Seht, da ist der Mensch“ aussagen. Schau ich also auf die Seite des Katholikentag 2016 und lese dort:

„Seht, da ist der Mensch“ ist ein Leitwort, das Position bezieht. Es lenkt den Blick auf die Leidenden, Benachteiligten, Verfolgten, auf die Schwachen in unserer Welt. Die Bibel überliefert, dass es ist ein Richter war (sic!), der voll Spott diese Worte an sein Publikum richtete und dabei auf einen Angeklagten zeigte, den er auf grausamste Weise hat demütigen und foltern lassen, den er zutiefst in seiner Würde verletzen wollte. Wenn Pontius Pilatus auf den gefolterten und verspotteten Jesus zeigte und die Worte sprach, die für das Leitwort des Katholikentags ausgewählt wurden, „Seht, da ist der Mensch“, dann zeigte er in diesem Menschen Jesus auf den Menschen schlechthin, der da hängen gelassen wurde, draußen vor den Toren der Stadt, ausgegrenzt, am Ende. Aber er zeigte auch auf den Gott, an den wir Christen glauben, einen Gott, der mit den Menschen leidet.

„Ecce homo“, ah, verstehe! Man wollte also einen auf grausamste Weise gedemütigten, benachteiligten Menschen darstellen. Einen, der trotz Rollkragenpulli furchtbar friert, wie die tapfer verschränkten Arme andeuten. Hier, meine Damen und Herren, sehen Sie das Leiden Christi von heute: Kein Kriegsopfer, kein Vertriebener oder Flüchtling, kein Obdachloser, kein Ausgegrenzter. Nein, das Leiden Christi ist heute nach Meinung des Katholikentag 2016 offenbar:

Eine frierende grün-rote Frau im Rollkragenpulli, der ganz doll schlecht ist.

Jetzt ist mir auch schlecht.

Das Papst Franziskus Rezept: Perzept statt Konzept.

Große Verwirrung stiftet Papst Franziskus gerne in allen Kirchenlagern.

Einerseits benennt er klar und deutlich die moralischen Probleme unserer Zeit: Er geißelt Gender-Ideologie und Abtreibung als inakzeptabel, kritisiert Kapitalismus und Auflösung der Familie. Andererseits ist er der Rockstar unter den Päpsten und bringt verwirrende Aktionen, die selbst Jesse Pinkman den Mund offen stehen lassen würden – so wie neulich die Tischzauberer-Nummer während seines USA-Besuchs. Diesen PR-Einlagen lässt er auch konzeptionell Taten Folgen: Er beruft die Familiensynode ein, senkt bürokratische Hürden im Ehenichtigkeitsverfahren, ruft ein Gnadenjahr der Barmherzigkeit aus und verlangt mehr Bescheidenheit von Amtsträgern und Gläubigen.

Papst Franziskus - Bild von Agência Brasil

Papst Franziskus – Bild von Agência Brasil

Was so viele verwirrt ist eine geniale Kommunikationsstrategie, die in der Kirche längst fällig war: Nachdem sich Jahrhundertelang Päpste nur in kompliziert verschwurbelten bürokratischen Ergüssen an die Öffentlichkeit gewandt haben, ignoriert hier einer plötzlich sogar die Printform. Papst Franziskus setzt vor allem Zeichen, Bilder und Gesten ein, um den Menschen den Glauben zu vermitteln. Damit setzt er mehr auf gelebten Glauben, Taten und Bekenntnis, weniger auf Wissen, Kenntnis und theologischen Tiefgang. Wer durch Franziskus zum Glauben kommt, muss nicht unbedingt wissen, was er da glaubt. Entscheidend ist, dass er es „fühlt“ und glaubwürdig lebt. Fans seines Vorgängers Benedikt XVI., des wohl gelehrtesten Papstes der letzten Jahrhunderte, verstört das. Ich gebe zu, ich bin so ein Benedikt-Fan. Es war die scharfe analytische Kraft Ratzingers, die mich fasziniert und stark an den katholischen Glauben gebunden hat. Aber um durch Benedikt zum Glauben zu kommen, muss man enorm viel lesen. Franziskus muss man nur zusehen.

Papst Franziskus setzt auf Perzept statt Konzept

Franziskus erfüllt eine Forderung, die der Medienforscher Marshall McLuhan bereits in den 1960er Jahren an die katholische Kirche gestellt hat: Im elektronischen Kommunikationszeitalter darf sie nicht mehr argumentieren und missionieren wie zu Zeiten des Buchdruck-Monopols. Die erhöhte Kommunikationsgeschwindigkeit dezentralisiert, stellt die vatikanische Bürokratie vor unlösbare Kommunikationsprobleme. Der Jahrhundertelang vorherrschende Versuch, den Glauben als „Konzept“ rational zu vermitteln, wird im Zeitalter elektronischer Medien sinnlos. Fernsehen, Radio und Internet appellieren nicht an unsere linke Gehirnhälfte, die für Analyse zuständig ist. Sie sprechen unsere rechte Hirnhälfte an, die jedes Phänomen ganzheitlich erfassen will. Wenn also heute jemand Armut predigt, aber hinter dem prunkvollen Petersdom wohnt, können wir das nicht akzeptieren. Da kann man argumentieren so viel man will (und es gibt gute Argumente für den Prunk), aber der Augenschein dominiert und die Kirche wird deshalb unglaubwürdig. Franziskus hat das erkannt. Darum vermittelt er den Glauben nicht als Konzept, sondern als Perzept, als subjektive Wahrnehmung.

Folgt man McLuhan, und das tue ich hier, macht Franziskus damit alles richtig. Er folgt dem Vorbild der Heiligen, die alle eines auszeichnet: Sie leben in der Gegenwart. Die Vergangenheit zählt nicht, wurde zurückgelassen. Alles, was sie begleitet, ist das lebendige Wort Gottes, der Logos, Mensch geworden in Jesus Christus und niedergeschrieben im Evangelium. Es ist die Richtschnur für das Handeln der Heiligen und indem er ihnen folgt, hat Franziskus die richtige Richtung vorgegeben. Statt lieber in der sicheren Gewissheit der Vergangenheit zu leben, betritt er Neuland und erfüllt damit die Beschreibung McLuhans für Heilige:

„Heilige wollen in der Gegenwart leben. Darum sind sie unerträglich“

Gelebter Glaube statt theologischen Grabenkämpfen – ein Stein des Anstoßes statt gemütliches Fundament. Mit diesem Papst an der Spitze muss einem nicht bange sein.

Der Rabe ist die Botschaft – wie realistisch ist „Game of Thrones“?

„Game of Thrones“ (GoT), eine der mitreißendsten Fernsehserien der letzten Jahre, schickt uns in eine mittelalterliche Fantasywelt. Charaktere und Welt sind derart gut beschrieben, dass sich auch Historiker und Politikwissenschaftler mit GoT und der Romanvorlage „A Song of Ice and Fire“ beschäftigen. Großes Lob erhielt vor allem die „realistische“ Darstellung von Machtpolitik, Kriegsführung und dem täglichen Leben der Menschen. „Wie das echte Mittelalter“ sei diese Serie und unterscheide sich damit von „romantischeren“ Fantasy-Stoffen wie J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Man hört Aussagen wie „Frodo würde in Westeros keine 5 Minuten überleben“. Das klingt wie: „Wacht auf, Kinder, die Märchenstunde ist vorbei, jetzt kommt das harte Leben“! So ein Gefühl mag den Zuschauer der Serie tatsächlich überkommen, denn schließlich sterben die Hauptfiguren wie die Fliegen. Aber ich behaupte: „Game of Thrones“ ist historisch ungenauer und weniger realistisch als „Der Herr der Ringe“. Leicht erkennbar wird das, wenn man sich der Serie kommunikationswissenschaftlich nähert und die in Game of Thrones vorkommenden Medien analysiert.

game of thrones Götterdämmerung

„Game of Thrones“, die Götterdämmerungsgeschichte der Moderne.

Mediengeschichte ist Menschheitsgeschichte. Jede Entwicklungsstufe der Zivilisation wurde von neuen Medien begleitet. Die entscheidendsten Entwicklungen auf diesem Weg waren dabei:

1. Die Schrift.
Durch sie konnten erstmals Geschichten nicht-mündlich überliefert werden. Die frühe Schrift war allerdings noch sehr konkret, d.h. es waren eher gemalte Szenen (Hieroglyphen), die noch viel von der „Magie“ der mündlichen Überlieferung enthielten. Komplexere Zeichenfolgen, wie z.B. die chinesische Schrift, machten es aber bereits möglich, mehrere Symbole aneinanderzureihen und somit jeden Sachverhalt ausreichend genau darzustellen.

2. Das Alphabet.
A, B und C sind abstrakte Zeichen, die nurmehr einzelne Laute symbolisieren. Durch sie wurde es möglich, komplexe Sachverhalte in einer vorher undenkbaren Präzision auszudrücken. Das Aufkommen dieser Technologie fällt mit der ersten Hochphase abendländischer Philosophie zusammen: Platon, Aristoteles und Konsorten konnten nur deshalb so präzise formulieren und dies auch überliefern, weil ihnen das von den Phöniziern übernommene Alphabet zur Verfügung stand. Noch Sokrates fällt in die Vorzeit dieser Technologie: Er lehrte nur mündlich und überließ es seinem Schüler Platon, seine Gedanken in diesem neumodischen Zeug festzuhalten.

3. Der Buchdruck.
Bis ins späte Mittelalter war all das eine Sache für Eliten. Nur wenige konnten schreiben und lesen und jedes Schriftstück musste von Hand angefertigt werden. Der Buchdruck beendete das Zeitalter der Manuskripte (lat. manus = Hand, lat. scribere = schreiben) und leitete eine Zeit des „copy and paste“ ein: Große Massen an Schriftstücken wurden gedruckt, das Monopol der Lehrer wurde gebrochen und immer mehr Menschen lernten Lesen und Schreiben. Durch den Buchdruck wurde die Geschwindigkeit der Kommunikation enorm erhöht. Er leitete außerdem das Zeitalter der Renaissance (= Erneuerung) ein, weil antike Schriften nun in großer Zahl vervielfältigt und in viele Sprachen übersetzt wurden. Dadurch kam es einerseits zu einem „Revival“ antiken Gedankenguts, andererseits zu einer vorher unbekannten Form des Nationalismus. Denn die bisher vorherrschenden „internationalen“ Sprachen Latein und Griechisch wurden nun im großen Stil von den auch Nicht-Eliten verständlichen Volkssprachen ersetzt.

4. Die elektronischen Medien.
All die oben genannten Technologien haben eines gemeinsam: Sie haben das Lernen und Kommunizieren des Menschen immer mehr auf nur einen einzigen Sinn reduziert: Das Auge. Während in einer primitiven Stammesgesellschaft jeder Mensch durch’s sehen, hören, fühlen, schmecken und gestikulieren lernt, ist der moderne Mensch nur auf sein Buch angewiesen. Durch das Auge gerät die Information ins Gehirn – die anderen Sinne sind untätig. Diese Art des Lernens machte erst den „Spezialisten“ und den „Gelehrten“ des 18. und 19. Jahrhunderts möglich und mit diesen Typen entwickelte sich die Methode der Erfindung. Die elektronischen Medien Radio, Fernsehen und heutzutage das Internet brachen den engen Erfahrungsraum des Auges wieder auf und der Mensch lernt seitdem wieder ganzheitlicher. Andererseits wird er damit emotional wieder mehr zum steinzeitlichen „Stammesmenschen“, was der Kommentarbereich bei Youtube und Facebook anschaulich darstellt.

So weit einmal der nötige Background, jetzt zur konkreten Analyse von „Game of Thrones“ und seiner Medien.

I. In welcher Epoche spielt die Serie?
Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Der Autor George R. R. Martin hat die Handlung an die englischen „Rosenkriege“ angelehnt, die von 1455 bis 1485 tobten. Das wäre sehr spätes Spätmittelalter kurz vor Beginn der Renaissance. Allerdings deuten die meisten Technologien der Serie darauf hin, dass die Zivilisationen auf dem Kontinent der Haupthandlung (Westeros) noch im Hochmittelalter feststecken: Das Rittertum und Feudalwesen ist in voller Blüte, es finden regelmäßig Turniere statt. Die Belagerungswaffen sind noch Katapulte statt Kanonen, Bogen und Armbrust sind die gebräuchlichen Schusswaffen. Keine Spur also vom bereits im 14. Jahrhundert gebräuchlichen Schwarzpulver. Lediglich „Wildfire“, also eine etwas aufgepeppte Version des bereits in der Antike bekannten „Griechischen Feuers“, ist bekannt und gefürchtet. Kommunikation ist kein Problem, egal ob grimmiger Nordmann oder heißblütiger Südländer: Man versteht sich. Das deutet auf eine gemeinsame Sprache zumindest unter den Eliten hin. Und bei allem Gezänk: Nationen in unserem Sinne kennt Westeros nicht. Volk, Sprache und Gebiet sind zweitrangig, wichtig ist allein die Zugehörigkeit zum Lehnsherrn und seiner Familie.

II. Medien im Hochmittelalter.
Wenn sich Westeros im Hochmittelalter befindet, sind die vorherrschenden „Medien“ einer kleinen Elite vorbehalten: Manuskripte finden sich vor allem in Klöstern und einigen wenigen Universitäten. Adlige Mönche und Gelehrte tauschen sich persönlich und durch berittene Boten aus und bewahren in ihrer Kammer das Wissen, indem sie es handschriftlich kopieren. Der Wissensaustausch geschieht dadurch extrem langsam und – jetzt wird es entscheidend: „Medien“, wie wir sie heute kennen gibt es noch nicht. Wissen wird noch ausschließlich persönlich gelehrt, von Person zu Person weitergegeben. Das hat zur Folge, dass wir es noch nicht mit dem heute üblichen schriftlichen Diskurs und der klaren Spezialisierung der Berufsstände, sondern mit einer rein mündlichen Überlieferung zu tun haben, die durch die Manuskripte nur „Gedächtnisstützen“ erhält. Den letzten Satz bitte noch ein paar Mal lesen, er ist so kompliziert wie die Sache selbst. 😉 Entscheidend ist: Informationen wurden im Hochmittelalter nicht medial sondern persönlich übermittelt. Und das hatte direkte Auswirkungen auf den Menschen und die Gesellschaft.

III. Das Menschenbild des Mittelalters: Stand und Rolle.
Die erste Auswirkung dieser direkten Informationsweitergabe ist es, dass jeder Stand unter sich bleibt: Adlige diskutierten mit Adligen, der Rest konnte ohnehin nicht lesen und um die Ecke denken. Durch die persönliche Lehre von Mensch zu Mensch waren alle Sinne im Lernprozess eingebunden, man suchte daher in allen Bereichen umfassende Welterklärungsmodelle zu erstellen. So ging es überspitzt formuliert zum Beispiel in der Medizin nicht nur darum, einen Schnupfen zu heilen, sondern im Schnupfen eine Störung zwischen Mensch und Gott zu erkennen: Theologie und Medizin verknüpft. Ähnlich ganzheitlich wurde die Rolle des Menschen in der Gesellschaft gesehen: Er war kein Facharbeiter und Spezialist, sondern spielte eine Rolle. Besonders deutlich wird das im Fall des Königs: Lange Abhandlungen existieren über die Unterscheidung zwischen dem (ewigen) Königtum als Rolle und dem (sterblichen) Menschen, der sie „spielt“. Der Maßstab des Mittelalters war die Ewigkeit. Darum erscheint uns diese Epoche heute oft so irrational. Denn unser Maßstab, der Maßstab des modernen Menschen ist allein die materielle Welt, das „Hier und Heute“ und wie wir es möglichst komfortabel gestalten. Dieses Denken war dem Mittelalter fremd: Man lebte für die Ewigkeit und war überzeugt, dass man sein Seelenheil am besten sicherte, indem man seiner Rolle als Bauer, Handwerker, Ritter, Burgfräulein oder König folgte.

IV. Realismus-Check: „Game of Thrones“ vs. „Herr der Ringe“:
Warum „Game of Thrones“ auf uns moderne Menschen so „realistisch“ wirkt, liegt daran, dass sich die Charaktere NICHT so verhalten wie eben beschrieben. Es sind vielmehr moderne Menschen wie wir, die ihre Welt lediglich mit mittelalterlichen Instrumenten gestalten. Spezialisten wie den reinen Spion Varys, den reinen Haudruff Sandor Clegane, den berechnenden Machiavelli Tywin Lannister oder auch den Schmied Gendry gab es im Mittelalter so nicht. Es sind Figuren der Renaissance, Kinder des Buchdruck-Zeitalters. Auch die auf den ersten Blick „ritterlichsten“ Figuren der Serie – die Starks – sind bei genauem Hinsehen eine Bande berechnender Verräter. Dass sie „ritterlich“ wirken, liegt einzig daran, dass sie den Schritt vom Mittelalter in die Renaissance erst kürzlich getan haben, während die Lannisters – sinnbildlich gesprochen – schon kurz vor der Industrialisierung stehen. Der Reiz der Serie ist ein Aufeinanderprallen von Mittelalter und Renaissance: Moderne Menschen kämpfen hier um die Vorherrschaft. Ganz anders im „Herrn der Ringe“: Hier ist jeder Charakter an seinem Platz, erfüllt seine Rolle: Egal ob Gandalf, der Zauberer, Frodo, der Hobbit, Aragorn, der Mensch und (versteckte) König, ja sogar der „dunkle Herrscher“ – sie alle erfüllen ihre Rolle im kosmischen Weltplan der Schöpfung. So einen Plan gibt es bei „Game of Thrones“ nicht: Jeder kämpft für sich selbst, für seine Sache. Die interessantesten Akteure der Serie, Tyrion, Littlefinger und Ayra sind Individualisten – in die Welt geworfene moderne Menschen, die das Beste oder Schlechteste daraus machen wollen.

Fazit im Realismus-Check: „Der Herr der Ringe“ spiegelt mittelalterliches Lebensgefühl wider, „Game of Thrones“ handelt von kostümierten modernen Menschen.

V. Der letzte Beweis: Die Raben.
Am Anfang hatte ich versprochen, „Game of Thrones“ medial zu analysieren. Bis jetzt habe ich das Hauptmedium der Serie aber noch gar nicht erwähnt: Die Raben. Sie sind die Telegrammboten von Westeros, die Nachrichten flügelschnell von A nach B bringen. Im Verlauf der Handlung werden sie durch weitere, noch schnellere Kommunikationsmittel ergänzt. Ohne die Raben würde die Handlung nicht funktionieren, denn moderne Menschen brauchen schnelle Kommunikationsmittel, um auf dem Laufenden zu bleiben. Information ist die Waffe der Moderne und die Helden in Westeros sind durch Raben und Magie bereits beinahe in der Geschwindigkeit der vierten medialen Entwicklungsepoche (Die elektronischen Medien) angelangt. Und das, obwohl ihre Zivilisation es noch nicht einmal zum Buchdruck (Epoche 3) gebracht hat.

„Das Medium ist die Botschaft“

Dieser Satz stammt vom Kommunikationswissenschaftler Marschall McLuhan. Er meinte damit unter anderem: Die Kommunikationsmittel prägen den Menschen und geben Aufschluss über seine Entwicklung. Auf „Game of Thrones“ bezogen kann man also sagen: „Der Rabe ist die Botschaft.“ Er weißt darauf hin, dass das Mittelalter in Westeros gar nicht so mittelalterlich ist. Wir sehen vielmehr ein modernes Bild des Mittelalters – und das ist wohl auch ein Grund dafür, warum die Serie erfolgreicher ist als die realistischeren Historienschinken.

Würdiges Katern der Allgäuer Jugend nach dem Besuch von Landdiscos.

Eines weiß ich aus meiner Allgäuer Jugend sicher:

Diskotheken und Clubs sind die Mitochondrien des Hinterlandes, die Kraftwerke, aus denen die Jugend im Allgäu ihre Energie zieht. Pfui, war das ein schlimmer Satz, weisch, des goht it, so darf man nicht sprechen zwischen Isny und Immenstadt. Red´ gefälligst Dialekt, ja der Dialekt will kultiviert sein von der Allgäuer Jugend. Zwischen Doc Martens und Dreadlocks, Totenkopftattoo und Impfnarbe gehört die Sprache hier zur Körperpflege. Sie stimmt aber natürlich auch auf hochdeutsch, die Sache mit den Landdiscos im Allgäu und sie verlangt würdiges Katern. Was das ist? Lest, voran, lest!

Landdiscos im Allgäu, Freude der Allgäuer Jugend!

Landdiscos sind a) schwer zu finden b) wunderbar oder c) alles zusammen.

Jene rauchigen Kaschemmen, die sich im Nirgendwo an die Hänge der grünen und grauen Täler schmiegen. Jene Walddiskotheken mit ihrem ewig gleichen „Whole lotta love“, „I put a spell on you“ und „Narcotic“. Ihr Licht ist im Winter die einzige Verheißung von Wärme auf 50 Quadratkilometern, darum sind sie die einzigen Häuser des Allgäus, die man auch vom Weltall aus sehen kann. Zu ihnen führen ungeräumte Straßen, deren Verheißung Vereisung heißt und über die dennoch eine Karawane unzähliger rostiger Kleinwagen zum heißen Brennpunkt des Lebens und der Liebe, zu Schuppen namens „Rasta“ oder „Sonneck“ zieht. Hier, wo sich die Elite des Rock´n Roll versammelt, kippen die coolsten Säue der Nation ihre Woiza.

Neulich hat jemand die coolen Säue „baurig“ genannt. Ich glaube, der Typ hieß „Neid“. Denn wovon die Großstadtrocker, Raver und Punks träumen – die große Freiheit, Sex, Drugs and Rock´n Roll – damit wachsen die Bauernsöhne und -töchter ganz selbstverständlich auf. Die Entfernungen zwingen sie dazu, sich früh zu motorisieren. Die freie Natur und manchmal sogar Papas Hof bergen vielfältige Möglichkeiten, bewusstseinsverändernde Substanzen zu sammeln oder anzubauen. Und der DJ im „Sonneck“ ist vielleicht nicht immer ganz auf der Höhe der Zeit, hat dafür aber einen ernstzunehmenden Musikgeschmack und präsentiert sein solides Set Woche für Woche für Woche.

Allgäuer Jugend: Die wahre Jugend!

Während die Großstadtjugend in der Masse untergeht, den neuesten Trends hinterherhechelt und dabei doch immer nur die Verkleidung wechselt, hat sich das Allgäuer Jungvolk in seinem musikgetriebenen Lebensstil gemütlich eingerichtet, sind Festivalbändchen um die Handgelenke ebenso Lebensart wie der Abwrackprämie von der Schippe gefahrene und schludrig neulackierte Autos. Wer sagt, die Landjugend sei ein Freund des Tunings, muss die öden Motorfetischisten der drögen Allgäuer Kleinstädte meinen. Bauernkinder tunen nicht. Sie schrauben, basteln und hinterher sieht alles aus wie ein Traktor. Wer meint, seine Jugend in Käffern wie Kempten, Immenstadt oder Wangen verbummeln zu müssen, wird sich einst im Paradiese fragen, warum er immer nur in öden Pubs zu Schlagern dösig gesoffen oder in kalten Hallen zu Techno müde gezuckt hat, anstatt nur ein paar Kilometer weiter zwischen Hügeln und Wäldern die brüllende Hitze der Nacht und wie einem Hunter-S.-Thompson-Roman entsprungene Irre zu erleben.

Die Kehrseite des wilden Lebens ist eine vorprogrammierte morgendliche Katerstimmung, die in der von den Gletschern der Eiszeit gezeichneten Landschaft des Voralpenlandes deutlich anders ausfällt als in der Großstadt. Wer im Hinterland seinen „Kalten Truthahn“ schieben muss, sollte sich vorher versichern, alles Nötige im Haus zu haben. Denn der Weg zum nächsten Geschäft ist weit und die Ladenöffnungszeiten huldigen der Adenauerzeit. Mancherorts haben die Krämer nicht nur Samstags und Sonntags, sondern sogar Mittwochnachmittag geschlossen. Eine Tatsache, die manchem Spätkaufverwöhnten Großstädter schon das Leben oder zumindest die gute Laune gekostet hat. Dösige Sonntagsstimmung weht die meiste Zeit durchs Allgäu und so sehr sie einem beim „runterkommen“ hilft, genauso stört sie beim wieder aufpäppeln.

Würdiges Katern, morgendliche Katerstimmung, Allgäu

Würdiges Katern beinhaltet für mich den Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes.

Wo soll man nur einen bunten Film herbekommen am Sonntagmorgen, wenn das Internet noch analog und der DVD-Verleih geschlossen ist? Die eigene Sammlung beinhaltet nur schonungslos harte Thriller und Kunstfilme, doch stünde einem der Sinn nach Pipi Langstrumpf oder ähnlich infantilen Streifen, die man sonst nicht im Regal stehen haben möchte. Denn jetzt ist Embryostellungszeit, man schrumpft in die Kindheit zurück und ist doch in der Knochensägenrealität gefangen. Alles ist wie in den 70ern, ein Solidargefühl kommt auf. Man liegt im Geiste mit Jim Morrison in der Badewanne eines Pariser Hotelzimmers und keiner zieht den Abflussstöpsel. Hier bist du allein mit deinem Kater, verlorener als es in jeder Stadt der Fall wäre. Hier gibt es keine Fußgängerzonen, keine Cafés in die du dich durch eine schwarze Sonnenbrille abgeschirmt hocken und deine Wunden lecken könntest. Es gibt nur die kalt verputzte Wand, das Fenster, den Regen und Wald, Wald, Wald.

Im vor sich hin hämmernden Schädel verflüchtigen sich die Gewissheiten, kriechen Verschwörungstheorien ins Land der Tatsachen. Kennedy, die Mondlandung, Bielefeld. Alles scheint möglich in dieser fiesen, grauen Welt und dann auch noch die verdammte eigene Phantasie. Wieso eigentlich dauert ein Fußballspiel genau 90 Minuten? Wieso gibt es eine Pause nach 45? 1945 und 1990, die wichtigsten Jahre des 20. Jahrhunderts, Ende des Zweiten Weltkriegs und deutsche Wiedervereinigung, das kann doch kein Zufall sein! War der Erfinder der Kickerei vielleicht ein Prophet? Diese Kabbala macht einen noch wahnsinnig. Besser sich schmerzend aus dem Bett gequält und die Räude abgeduscht. Der Nachbarjunge spielt hinter dem Panoramafenster ein Metzelspiel auf seiner Konsole, sein Vater reißt in Gore-Tex gehüllt mit einem Spaten den Garten auf. Als die Kirchenglocken läuten, stößt du sauer auf. Dann gehst du hin zur Kirche, um Dein Inneres zu säubern. Nach der Messe kommt die Sonne raus und alles strebt ins Wirtshaus. Du strebst mit, setzt dich an den Katzentisch nahe der Küchentür und bestellst ein deftiges Fleischgericht mit Konterwoiza. Das mag der Kalte Truthahn nicht, das hasst er, das bringt die Wärme und das Leben zurück. Am späten Nachmittag verlässt du das Wirtshaus mit angenehm schweren Gliedern, plumpst ins Bett und schläfst bis zum nächsten Morgen. „Würdiges Katern“ nennt das die Allgäuer Jugend. Ja, wer so katert, katert wohl.

Mein „defekter Code“: Die Sünde erklärt

Sünde erklärt: Dass man den christlichen Glauben gut verstehen kann, wenn man das Leben wie ein MMO-Rollenspiel sieht, habe ich letztes Mal erklärt. Heute geht’s darum, wie ich mich persönlich im Spiel verhalten sollte, um kompatibel für Version 2.0 zu werden. Denn mein Problem ist ein defekter Code in mir – die sogenannte „Sünde“. Deshalb glitche ich andauernd rum, renne gegen Türen statt sie zu öffnen und bleib in Gegenständen stecken.

Mein defekter Code - Die Sünde erklärt durch Computerspiele - Sünde einfach erklärt

Sünde und Vergebung – erklärt für Gamer …

Diesen Code bekomme ich genauso wenig aus mir raus wie im echten Leben meine Milz oder Leber. Er ist mit mir verwoben und selbst der beste Chirurg kann ihn nicht entfernen, ohne mich zu töten. Aber der göttliche Programmierer hat mir immerhin einen Sensor dafür eingebaut, wann der kaputte Code am Werk ist: Das Gewissen. Immer wenn ich glitche, klingeln in mir die Alarmglocken. Und je besser ich auf die höre, desto weniger folge ich dem kaputten Code.

Das mag zwar ein gangbarer Weg zu sein, um nicht allzu viel Mist zu bauen – eine Lösung ist es nicht. Denn kaputter Code bleibt kaputter Code und egal wie wenig ich auf ihn höre, schließt allein schon seine Existenz mich von Version 2.0 des Spiels (a.k.a. „Himmel“) aus. Ich kann mich nicht selbst reparieren und muss es auch nicht. Denn das hat der Programmierer bereits für mich getan, indem er selbst „ins Spiel kam“ und mir die Möglichkeit zum rebooten gab. Voraussetzung dafür ist, dass ich den Neustart auch will.

Wieso sollte ich das denn nicht wollen, fragt jetzt vielleicht der ein oder andere? Nun ja, vielleicht weil ich den kaputten Code und seine Auswirkungen eigentlich sehr cool finde. Weil ich den Kick liebe, wenn ich Erfolg und Geld hinterherhechle und links und rechts alle anderen niedermähe. Oder, weniger Gangsta und mehr Alltag: Weil ich lieber besoffen als nüchtern bin, weil ich gerne über andere lästere, es bei der Steuererklärung lieber nicht zu genau nehme und ab und an einfach mal gerne fremdgehe. Der kaputte Code zieht eine rote Spur durch unser Leben. Durch jedes. Keiner und Keine ist frei davon.

Das Überraschende an der christlichen Lehre ist nun: Es ist ihr völlig egal, wie schwer man den Codefehler am Einzelnen bemerkt. Ob Mörder oder Stehendpinkler, alle sind mal grundsätzlich nicht für Version 2.0 geeignet. Es sei denn, sie nehmen das Angebot des Programmierers und seines Vorbildes an. Dann ist alles gut. Und dann fällt es leichter, den kaputten Code zu ignorieren. Ein Vorbild, wie das gebrochene Innere überlistet werden kann, hat Gott selbst als Jesus Christus gegeben. Wer so handelt wie er, der schafft’s einigermaßen glitchfrei durch’s Leben.

So die Sünde erklärt wird vielleicht die ein oder andere bisher als unsinnig wahrgenommene kirchliche Lehre klarer:

Warum werden Abtreibung, Ehescheidung und gelebte Homosexualität abgelehnt?
Weil die Kirche sie als Auswirkungen des „kaputten Code“ des Menschen betrachtet.

Werden deshalb Schwule, Geschiedene oder radikale Feministinnen verdammt?
Wer das immer noch glaubt, hat weiter oben nicht aufmerksam genug gelesen.

Es geht um den Code, nicht um das Glitchen. Richtiges Handeln entspringt der Achtsamkeit auf den richtigen Code und aus der Abkehr vom falschen. Doch auch das tollste Handeln (Endgegner mit 100 Health PERFECT besiegt) kann den Code nicht reparieren. Das kann nur das Eingreifen des Programmierers. Und das ist: Gnade.

Deutsche Fundstücke Teil 2: Der nicht ganz unbeängstigende Eisjunkie

Trainspotting in Wasserburg: Eisjunkie auf Entzug.

Wer auf Speiseeis sitzt, hat kalte Backen …

Neulich beim Eisjunkie frei nach „Trainspotting“:

„Ey, Renton, schau mal – hab mir das Ding an die Hand geklebt, damit mir der Stoff nicht wieder auf den Teppich tropft. Voll clever – nä?“

„Ach Spud …“

Das Evangelium für Gamer erklärt

Passt auf liebe Gamer, ich verkünde Euch eine frohe Botschaft:
Der christliche Glaube sagt, dass wir in einem gigantischen von Gott programmierten MMO-Rollenspiel leben. Doch das Programm machte Probleme. Nach einigen Milliarden Jahren hatte sich ein gewaltiger Haufen Bugs angesammelt, der das Spielen mehr und mehr unmöglich machte und den Programmierer zur Verzweiflung trieb.

Frohe Botschaft Evangelium für Gamer für Computerspieler

Jedem Tierchen sein Plaisierchen …

Das Programm war derart verkorkst, dass man es eigentlich hätte löschen und komplett neu hätte schreiben müssen. Das hat der göttliche Programmierer auch gemacht, nur konnte er die Charaktere aus Version 1.0 wegen des verkorksten Codes nicht funktionstüchtig in Version 2.0 überführen. Damit kam er gar nicht klar, denn die Jungs und Mädels waren alle so was von hochgelevelt, hatten derbe Spezialskins, Flammenschwerter hoch zehn, also was soll ich sagen: Er liebte einfach jeden einzelnen Charakter unbändig! Um den Import in Version 2.0 dennoch zu stemmen, ergriff Gott daher drastische Maßnahmen, machte einen auf Tron und wurde selbst zum Spielcharakter: Level 1, unbewaffnet, kein auffälliger Background.

Auf seiner Reparaturmission fuhr er eine Doppelstrategie: Er zeigte den Charakteren, wie sie die Bugs umgehen konnten (z.B.: „Nein, rennt nicht 1000 mal gegen diese bescheuerte Tür, sondern macht sie halt einfach auf, verdammt!“). Und gleichzeitig fing er an, das Programm von innen heraus umzuschreiben, komplett neue Definitionen und Spielregeln einzubinden.

Als er damit fertig war, fehlte nur noch eins: Das Rebooten, der Neustart. Und weil Gott der genialste Programmierer aller Zeiten ist, schaffte er es, den kompletten Programmcode in seinen eigenen In-Game-Charakter einzubinden, so dass er nur diesen Charakter zum Implementieren neu starten musste und nicht das gesamte Programm. Der Neustart dauerte drei ganze Tage, dann respawnte Gottes Charakter und damit auch er selbst (der Part ist echt hirnverrenkend). Das sorgte für einen gehörigen Tumult, denn dieser Skill war bisher noch nicht freigeschalten gewesen – der funktionierte erst seit dem Reboot.

Ja und seitdem ist das Programm vom Code her gerettet, sprich: Es läuft stabiler als früher. Probleme bereiten aber nach wie vor die Bugs – denn weil eben nicht das ganze Programm neu gestartet werden konnte (um die Charaktere zu retten) sind die Fehler weiterhin vorhanden und es gibt noch immer Millionen Idioten, die in Gegenständen feststecken, mit dem Kopf gegen Türen laufen oder sonstwie rumspacken. Ist im Prinzip kein Problem, denn sobald sie „sterben“, kommen sie in die Reboot-Phase (a.k.a. „Fegefeuer“), der neue Programmcode wird implementiert und sie landen in der geheimnisvollen „Version 2.0“ des Spiels (a.k.a. „Himmel“). Allerdings, und hier wird’s jetzt richtig kompliziert, kommen Sie da nur hin, wenn sie in Version 1.0 ihre Zustimmung dazu gegeben haben.

Ganz richtig, Gott heißt nicht Mark Zuckerberg und darum ist ihm der freie Wille (a.k.a. Datenschutz) ein derart großes Anliegen, dass er den Spielcharakteren während des Games andauernd „Ich stimme zu“-Anklickboxen unter die Nase hält. Die sind künstlerisch nur feiner gemacht: Man stimmt nämlich immer dann zu, wenn man sich so verhält, wie es der Spielcharakter Gottes gemacht hätte. Dann aktiviert man den neu geschriebenen Code in sich selbst und sagt „ja“ zu Version 2.0. Wenn man das einmal verpasst hat – keine Sorge, die Anklickboxen schwirren dauernd herum. Es ist nie zu spät, um das Häkchen zu setzen.

Und was passiert mit denen, die einfach herumspacken wollen? Die das Häkchen nie setzen und es immer in vollem Bewusstsein ablehnen? Nun, auch das akzeptiert Gott. Für diese Typen hat der bekannte russische Hacker Sergej Atan Version 6.6.6. des Spiels geschrieben. Diese Version fühlt sich für den Charakter ungefähr so an, als müsse er bei nicht (zu)mute-barem Soundtrack einer japanischen Black-Metal-Band mit unaussprechlichem Namen und zickzackdornenreichem Logo  „Der Planer“ zocken und aus dem Augenwinkel dabei zusehen, wie die kleine Schwester das neue Pre-Release von Assassins Creed ausprobiert und dabei von Gronkh gestreichelt wird. Nicht schön.

So weit Schöpfung, Sündenfall, Erlösung, Himmel, Hölle, die groben Glaubensfakten und das Evangelium für Gamer halt. Demnächst an dieser Stelle: Wie ich den richtigen Code erkenne und mit dem rumspacken aufhören kann …