Ein Mittel gegen Vulkane. In Ravensburg.

Hirse ist nahrhaft, lecker und gesund. Er ernährt sich von Hirse, seit er ein Zimmer in Ravensburg bewohnt.

Hirse isst er am Morgen, am Mittag am Abend. Er hat ein Bakterium entdeckt. Nicht in der Hirse, sondern im Studium, in dem er gut gewesen war, weswegen er auch weiß, dass ein Mensch allein von Hirse leben kann. Ein Jahr Hirse. Damit die Umschulung ihn wenig kostet. Die meisten Frauen glauben ihm nicht, dass er gelernter Diplom-Ökotrophologe ist. Die allermeisten von denen, die er anspricht, sind sogar überzeugt, dass es dieses Wort überhaupt nicht gibt und dass er es sich ausgedacht hat. Genauso wie all die anderen Männer die sie kennen sich ihre Berufe und Güter ausdenken. Diese Frauen irren und folgen ihm in sein Zimmer. Die weniger Verzweifelten wissen, was er studiert hat und sind bezaubert von dem schmierigen Lächeln das er trägt. Sie laden ihn ein. Die Klugen will er nicht. Die folgen ihm nicht und laden ihn nicht ein.

Vulkan in Ravensburg

Ein Mann – ein Vulkan!

Er spielt am Computer ein Spiel mit dem Cthulhu. Es ist mehr als ein Spiel für ihn und H.P. Lovecraft war ein Seher, sagt er. Wenn er nicht gerade umgeschult wird, sucht er Dimensionstore in Ravensburg. Tore, die ihn in die Hohlwelt führen, in die Vergangenheit, auf ferne Planeten zu grünhäutigen Frauen. Er sucht, wie er das Bakterium gesucht hat. Akribisch, wissenschaftlich, mit System. In der Bibliothek findet er Hinweise auf alte Höhlen unter der Stadt. Fluchttunnel und natürliche Hohlräume. Er geht in den Survival-Shop und kauft sich Fackeln. Er weiß, dass man nur Fackeln braucht um Höhlen zu erforschen. Er streift durch die Wälder mit seinen Fackeln, kriecht in Felsschlitze und Fuchshöhlen, kommt nicht weiter. Er spricht mit Ladenbesitzern in der Altstadt. Die lassen ihn in ihre Keller, wo er hockt mit seinen Fackeln und die Wände abklopft nach Geheimgängen und Hinweisen. Wie im Spiel mit dem Cthulhu am Computer. Aber die Hinweise aus der Bibliothek sind echt und die Einstein-Rosenberg-Brücke auch, ebenso wie Hawkins und die Risse im Raum-Zeit-Kontinuum. Dimensionstore. Es gibt sie. Er wird sie finden und hindurchgehen mit seinen Fackeln.

An den Abenden in der Bar mit den Telefonen auf den Tischen sagt er den Frauen, was sie hören wollen. Und weil sie sagen was er voraussieht, erkennt er seine Bestimmung. Er sagt, er kann Dämonen sehen in den Augen der Menschen. Viele sind besessen, mehr als wir ahnen. Er lernt, wie er sie austreiben kann. Er sagt, er will den Menschen helfen. Es gibt eine Frau, von der die Polizei sagt, dass er sich ihr nur noch auf 100 Meter nähern darf. Weil sie einmal in Flammen aufging, als er mit ihr sprach. Der Staat ist besessen. Er geht in eine Gruppe, weil da viele Frauen sind. Sie hören ihm zu und sind fasziniert von seinen großen Augen. Es ist ein Sport für ihn. Seine Freunde finden es peinlich, ihm ist es egal. Seine Freunde gucken Pornos – er nicht. Pornos sind dämonisch, sagt er. Im Chat hat er ein Mädchen aus der Schweiz kennengelernt. Sie ist ein schwarzer Grufti, dünn und kalkweiß. Er besucht sie und erklärt ihr die Welt. Danach trägt sie nur noch bunte Farben und hat bis zu ihrem sechzehnten Geburtstag Angst im Dunkeln.

Man müsste ihn einsperren, würde er sein Tagwerk nicht mit solchem Enthusiasmus und frohem Grinsen verrichten. Er ist kein armer Irrer, sondern gebildet und mit reichen Eltern gesegnet. Seine Umschulung zum Unternehmensberater schließt er wie alles andere in seinem Leben mit 1,0 ab. Er macht sich selbstständig und pendelt sich nach einem Jahr an jener Einkommensgrenze ein, an der er noch für sich selbst und nicht nur für den Staat arbeitet. Fährt er mit seinem BMW durch die Stadt, zählt er die Frauen am Straßenrand mit ihren Penny- und Alditüten. Er hatte sie alle, auch die hinkenden. Nun springt er Fallschirm, macht den Flug- und Segelschein und kauft sich ein Haus in der Altstadt. Mit Keller. Den Ort hat er sich gut ausgerechnet. Er war dafür in München, Stuttgart, Sankt Gallen und New York, hat in Bibliotheken recherchiert und mit Archivaren gesprochen. Sogar in Shanghai war er übers Wochenende bei einem Magier. Der Magier besaß einen Friseurladen mit vielen Frauen und altes Wissen über Ravensburg. Es besteht kein Zweifel mehr: Er kann den Schläfer wecken. Das Dimensionstor ist sein.

Im Keller schaufelt er jede Nacht an seinem Loch in die Hohlwelt. Er macht sich keine Illusionen. Das Dimensionstor wird nicht rund sein, nicht farbig und nicht wabern an den Rändern. Nicht so wie in dem Spiel im Computer. Es wird unbeschreiblich sein und wahrscheinlich sogar unsichtbar. Gut möglich, dass er stirbt, wenn er es durchschreitet mit seinen Fackeln. Ebenso möglich, dass er es gar nicht merkt. Dass er morgen durch ein Ravensburg geht, in dem grünhäutige Frauen mit Lidl-Tüten die Fußgängerzone bevölkern und alle das ganz normal finden. Er sehnt sich nach der Parallelwelt, in der das Seltsame normal ist und das Normale seltsam. In der Gruppe haben die Frauen Sterne in den Augen bekommen, wenn er ihnen von den kleinen Anomalien seines Alltags erzählt hat. Er macht sich Tee im Büro mit einem Gaskocher, den er nur locker in die Kartusche gerammt hat. Er hofft auf die Explosion, auf interessant unschöne Erfahrungen. Im Krankenhaus hat er seinem Zimmergenossen erzählt, er sei Akupunkteur und die Behauptung mit einem Dutzend Einwegspritzen bewiesen – nur um das Gesicht der Krankenschwester beim nächsten Besuch für immer memorieren zu können.

Nachts strebt er der Hohlwelt zu. Die innere Sonne der Erde will er sehen und die Stimme der Macht auf dem Wüstenplaneten erlernen. Alles, was er nicht mit 1,0 erreichen kann. Er will Schamane sein und Zauberer, überirdisch. Tagsüber berät er ein mittelständisches Unternehmen, verflacht die Hierarchien, führt Controlling ein, vereinfacht die Produktionswege. Er hofft auf die Explosion, die seinem Leben Erfüllung schenkt und die Frage nach dem „was dann?“ tötet. Esoteriker verstört seine Intelligenz. Zeugen Jehovas fürchten um ihre Keuschheit. Scientologen haben Angst vor ihm. Er liebt es, durch die Weltdeutungen zu streifen und sie zu verwerfen. Seine eigene Deutung hat er zuallererst verworfen, so verstörend war sie. Er hat nur noch Regeln. Blickkontakt, wegsehen, Blickkontakt, lächeln, schmierig grinsen, aufstehen, zu ihr gehen, Blickkontakt halten während sie wegsieht, ihren Blick packen und aufsaugen. Sieg.

Auf der anderen Seite der Welt steht ein Vulkan. Er explodierte, als sein Großvater noch nicht geboren war. Asche stieg auf von der Vulkaninsel Sumbawa bis in die höchsten Luftschichten und verdunkelte die Sonne über Ravensburg. Die Ernten fielen aus, Hunger griff um sich. Er wünscht sich das Jahr Achtzehnhundertunderfroren herbei, so nannten es die Menschen damals. Die Frauen würden zu ihm kommen, in sein Haus in der Altstadt mit Keller und er würde ihnen Hirse quellen, die Hirse preisen, Hirse in die Mägen füllen. Ihre Männer und Kinder dürften sie mitbringen, auch sie bekämen Hirse, dürften anschließend aber nicht zusehen. Das wäre ihm unangenehm. Er fragt sich, was die Menschen wohl damals dachten, als es ihnen die Ernte verhagelte. Sie wussten ja nichts vom Vulkan Tambora auf Sumbawa am anderen Ende der Welt.

Die einen werden Gott beschuldigt, die anderen den Fürsten verflucht haben. Theorien wurden aufgestellt und Opfer dargebracht. Die Klugen forschten nach Mitteln gegen den Hunger, erfanden den Dünger, das Fahrrad und das Cannstatter Volksfest. Nützliche Dinge – doch gegen Vulkane helfen sie nicht. Er sucht ein Mittel gegen Vulkane. Er sucht es, wenn er Unternehmen berät und wenn er gräbt in seinem Keller im Haus in der Altstadt. Er hat Fackeln dabei, damit er es erkennt, wenn es vor ihm liegt. Damit er es sieht, jenseits der Dimensionstore in, unter und rund um Ravensburg. Dass er es in den Frauen sucht, auch in den hinkenden, dass sein Großvater und sein Vater es fanden, dass er es nicht im Keller suchen muss, das Mittel – das weiß er nicht. Also gräbt er weiter.

Nach der Liebe.

Das Hypnose-Smartphone des Narziss

Nein, ich bin kein esoterischer Angsthase. Und ja, ich nutze mein Smartphone gern und oft. Aber ich bin mir bewusst, wie es wirkt: Dein Smartphone hypnotisiert Dich. Das ist eine Erkenntnis, die vielen Nutzern verborgen bleibt.

Kennt Ihr den Mythos von Narziss? Der schöne Jüngling aus der griechischen Sagenwelt, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt und zugrunde geht, weil er den Blick nicht mehr abwenden kann? Wenn nein, könnt Ihr ihn hier nachlesen. Es ist die Geschichte von einem, der am Ende vor lauter sich-selbst-anstarren nichts mehr gebacken kriegt.

Der Medienforscher Marshall McLuhan hat diesen Mythos in den 60er-Jahren auf die Neuen Medien übertragen: Der moderne Mensch starrt den Fernsehbildschirm an wie Narziss sein Spiegelbild im Teich und wird dadurch in seinem täglichen Handeln gelähmt. McLuhan bleibt bei diesem recht offensichtlichen Vergleich aber nicht stehen, sondern analysiert den Mythos und damit den modernen Mediennutzer noch tiefer:

Narziss, so behauptet er, konnte sich nur deshalb in sein Spiegelbild verlieben, weil er nicht bemerkte, dass es sich überhaupt um ein Spiegelbild handelte. Narziss ging nach dieser Deutung also nicht zugrunde weil er zu Selbstverliebt war, sondern weil ihm die Erkenntnis darüber fehlte, was mit ihm geschah. Er dachte: „Boah, ist der hübsch!“ und war fest davon überzeugt, dass „der“ ein anderer war. Narziss tappte damit in einen Denkfehler, aus dem er nicht mehr entkommen konnte.

McLuhan weist darauf hin, dass der Name Narziss vom griechischen Wort „narcosis“, also „Betäubung“ stamme. Der narkotisierte Mensch, der sich selbst betrachtet, ohne es zu merken. Neue Medien, so McLuhan, seien „Erweiterungen des Menschen“, Werkzeuge des Bewusstseins. Mit dem Smartphone betrachten wir alle Facetten unseres Menschseins gleichzeitig: Soziale Kontakte, Kunst, Nachrichten. Das nimmt uns ein, das ist ein Spiegel unseres Selbst. Wer das nicht versteht, hockt in der Blockadefalle.

So weit der katholische Konvertit und Medienguru McLuhan. Zurück zu meinem eigenen Smartphone und prüfen wir mal, ob er recht hat: Hypnose, so sagt McLuhan, setzt die Reduktion auf einen oder wenige Sinne voraus. Durch diesen Trick werden die restlichen Sinne ausgeschaltet. Der Zahnarzt setzt zum Beispiel Musik ein, damit die Schmerzempfindlichkeit beim Bohren reduziert wird. Schauen wir also mal:

Narziss und sein Hypnose-Smartphone. Das Smartphone hypnotisiert, ist ein Spiegel des Menschseins

Es tut so unschuldig, aber es hypnotisiert seinen Nutzer: Das veraltete Smartphone des Autors.

Mit dem Kopfhörer stöpsle ich mich an mein Smartphone an, sobald ich in die S-Bahn einsteige. Mit Musik blende ich meine Umgebung aus. Akustische Narkose, Check! Ich verfolge die Ereignisse bei Facebook und Twitter, browse durch Nachrichten, Katzenbilder und Statusupdates, schreibe und lese Nachrichten auf WhatsApp, Facebook und Konsorten – Visuelle Narkose, Check! Wenn mich in diesem Zustand jemand anspricht oder gar anrempelt, ist das ziemlich unangenehm, so als ob ich plötzlich vom Schlaf aufgeweckt werde. Nach McLuhan liegt das daran, dass sich meine Konzentration plötzlich wieder auf alle Sinne ausweitet, ich also vom hypnotisierten wieder zum ganzheitlich stimulierten Menschen werde.

So weit, so verwirrend. Was ist also die Moral von der Geschichte? Die Moral ist ein Spruch, den auch schon die alten Griechen kannten: „Erkenne Dich selbst!“ und, so möchte ich hinzufügen: „Erkenne Dich selbst in den Medien, die Du nutzt!“ Sie sind unser Spiegelbild, nicht mehr und nicht weniger. Wenn ich nicht mehr ohne mein Spiegelbild sein kann, bin ich wie Narziss: Ein Mensch in der Falle.

Wie sollte ich mein Smartphone also nutzen? Wie einen Spiegel: Hin und wieder mal reinschauen ist völlig in Ordnung. Im Starren verharren dagegen sollte man vermeiden. Sonst tappt man in die Falle und sieht ganz nebenbei auch nicht mehr allzu intelligent dabei aus.

 

Deutsche Fundstücke – Teil 1: Die CSU droht.

Deutsche Fundstücke Teil 1

Für „MICH“? Wirklich für „MICH“? Oder eher nur für „SIE“, die Dame Ihres Herzens?

Sooo, herzlich willkommen zu einer neuen Rubrik. „Deutsche Fundstücke“ knipst den ganz alltäglichen Unfug auf unseren Straßen. Einfach so – aus Spaß an der Freude.

Mit Witz-Erklärungsservice im Kommentarbereich … versprochen! 😉

1968 is dead or dying

1968 Buddhastatue aus dem Baumarkt

So isses …

In einem Straßencafé am Kurfürstenplatz sitzt ein Alt-68er-Künstlertyp in weißen Leinenhosen. Sein wallendes Hemd verhüllt schlaffe Haut und Altersleberflecke kaum. Das graue Brusthaar flimmert wie trockenes Stroh im Wind. Es zittert die faltige Hand, als sie eine Zigarette an den Mund führt. Er fühlt sich wie ein einsamer Wolf und sieht aus wie eine halbtote Taube. Er hat den ganzen Unfug eingeführt, der uns heute vom Leben abhält: Coolness, Treibhauseffekt, Überforderung. Wenn man ihn, diese Iggy-Pop-Karikatur, vergleicht mit dem Standard-Spießer der 60er-Jahre, weiß man plötzlich, woher der Spruch kommt: „Dasselbe in grün.“ Daheim, im Hausflur mit dem Parkett und den bunten Batiktüchern an der Wand, steht eine Buddha-Statue aus dem Baumarkt. Sie ersetzt das Kruzifix wie Tofu Fleisch, also nicht wirklich. Das Kreuz war Ausdruck eines Glaubens, der Buddha drückt aus, dass sich sein Besitzer auf keinen Glauben mehr festlegen mag. Buddha ist in diesem Kontext nur noch der Gartenzwerg des grünen Bürgertums; eine ästhetische Geschmacksverirrung mit Schmuckintention.

Die halbtote Taube hustet ohne Hand vorm Mund. Auf dem Nummernschild des Autos seines Sohnes prangt eine 666. Das liegt daran, dass der Bub ein Rebell ist. Er ist das Tier aus der Offenbarung des Johannes; ein Schlimmer, der Lederstiefel trägt und sich ein koreanisches Schriftzeichen auf den Oberarm tätowieren ließ, von dem er immer noch glaubt, es sei chinesisch und bedeute „Drache“. Er ist derart satanisch, dass er trotz seines nicht mehr zarten Alters jährlich zum „Rock im Park“ fährt und es dort so richtig krachen lässt. Der Antichrist lehrt Deutsch und Sport am Gymnasium. Sein Papa sitzt am Kurfürstenplatz und bläst Rauch in einen letzten Cappuccino. Der Schaum quillt über den Tassenrand wie die Lebenslüge des Trinkers über sein nahes Grab.

1968 is dead or dying. In diesem Falle letzteres. Jetzt wird der Leser wohl vermuten, dass der Autor dieses Textes das begrüßt. Das tut er nicht. Zwar ist deutlich zu erkennen, dass hier einiges schief gelaufen ist mit einem konkreten Leben und seiner Vision. Jedoch: Er hat es wenigstens versucht. Ein Satz, der die Alt-68-er allgemein recht treffend zusammenfasst: „Sie haben es wenigstens versucht.“ Dass dadurch alles noch schlimmer wurde, fällt in die Kategorie „Kunstfehler“. Ein Kunstfehler ist keine Entschuldigung für einen verreckten Patienten, aber moralisch dennoch besser, als wenn Doktorchen statt Operieren lieber Golfen gegangen wäre. Die Konservativen sind die Golfer und die Alt-68er die Kunstfehlerproduzenten. Die Sympathie ist eindeutig verteilt.

Schlimm dagegen sind die Neu-68er: Sie, diese rotznäsigen linksfaschistischen Wohlstandsbälger protestieren gegen ein Establishment, das schon ewig und drei Tage ausgestorben ist. Sie wettern gegen Kirche, Patriarchat und Diskriminierung – die da oben aber riechen längst nach Patchouli und freuen sich über solches Gewetter. Die Herrschenden reißen Familien auseinander, Mobilität bis aufs Blut und brutalstmögliche Gleichheit für jeden fordernd. Sie lassen die Alten im Elend sitzen und die Jungen in Kurzzeitverträgen. Aber die Neu-68er opponieren nicht, im Gegenteil: Gemeinsam mit den Mächtigen kämpfen sie auch noch für ihr Unglück. Schnell das Kind in die Krippe abgeschoben, um weiter den Gewinn der Aktionäre und den eigenen Burnout zu befeuern. Yeah, baby, the times they are a-changing. For real. Man kann sich auf ein Altenheim voller Arschgeweihe freuen. Wenn es Altenheime bis dahin noch geben wird. Gut, dass die Taube vom Kurfürstenplatz das nicht mehr erleben wird. Es wäre nicht in ihrem Sinne.

Kreativ schreiben im eingeschweißten Team …

… in diesem Fall wahrscheinlich unfreiwillig, darum kann mal bitte jemand die armen Teammitglieder aus diesem Tankwagen befreien?

Ts, ts, ts. Da hungert Journalistennachwuchs in unterbezahlten Praktika, aber Konzerne leisten sich Marketingabteilungen mit mangelndem Sprachgefühl. Also, liebe Kinder, zum mitschreiben: Ein „eingeschworenes Team“, das ist was feines, ein „eingeschweißtes Team“ dagegen ist so was.

In diesem Sinne: Aufmerksam bleiben, wirklich kreativ schreiben und die Sprache lieben. Man braucht sie, um verstanden zu werden.

Kreative Texte: Welpling Släsch Werbetexter

Geld ist keins da. Nicht für kreative Texte, nicht für Staaten und auch nicht für dieses winzige rote Tierchen, das im Sommer immer über meine Terrasse krabbelt. „Rote Samtmilbe“ nennt sich dieses laufende Staubkorn Släsch Spinnentier. Man sagt jetzt ja nicht mehr „Querstrich“. Man sagt Slash und schreibt den englischen Schmarrn dann Deutsch, sagt der pensionierte Oberstudienrat. Släsch. Klingt wie eine Kölschrockband. Bläck Fööss, Släsch, Würg.

Kreative Texte von Werbetextern oder Welplingen, das ist hier die Frage!

Werbetexter schreiben gerne kreative Texte auf Bilder.

Weit verbreitet ist die Rote Samtmilbe in Mitteleuropa und das hat sie mit dem Beruf des Werbetexters gemein. Gemein wäre es, zu behaupten, sie sei genauso nützlich. Denn immerhin ist sie nützlicher als der „Winzige Purpurrote Welpling“. Dieses Tier wurde vom Internet zunächst ausgespuckt, als ich nach „winzigen roten Tierchen auf meiner Terrasse“ fahndete. Was das Internet eigentlich hätte wissen können, ist, dass der „Winzige Purpurrote Welpling“ nicht auf meiner Terrasse, sondern ausschließlich im virtuellen Sumpf des Onlinerollenspiels „World of Warcraft“ endemisch ist. Der Welpling sieht aus wie ein Drache und dient rein dekorativen Zwecken. Seine Haupteigenschaft ist, dass er „sehr selten droppt“. So jammern zumindest die Damen und Herren Onlinerollenspieler. „Droppen“ ist, wenn man ein Viech kloppt bis es Hops geht und es zum Dank sein gesamtes Hab und Gut fallen lässt. Fallen lassen ist Deutsch, droppen ist nicht Englisch. Heißt aber trotzdem so. Das gedroppte Zeug sammelt man auf und ist um ein paar Ork-Tampons reicher. Gemäß der Klopp-Dropp-Dialektik der Online-Gamer-Community droppt der Welpling ausschließlich aus Fabelwesen namens „Gnolle der Moosfelle“ oder „Fallensteller der Dunkeleisenzwerge“. Bei solch kryptischen Zuständen ist es verständlich, dass manche nicht aufs Droppen warten wollen und sich den Welpling einfach beim nächsten Schacherzwerg kaufen. Bis zu 15.000 Goldstücke will so ein Schacherzwerg für das Viech. Bringen tut der teure Welpling dem Spieler zwar nix, aber er sieht gut aus.

Es wäre gemein zu sagen: Ebenso wie ein Werbetexter. Wobei: Warum eigentlich? Dass Werbetexter die hübschesten Menschen auf Gottes Erdball sind, ist doch ein toller Claim. Egal ob Sommer oder Winter – immer finden sie Wege, ihre Brustbehaarung ans Tageslicht zu bringen. Sie duften wie die Toskana an einem schwülen Sommerabend und gebieten über beeindruckend glatte Haut. Regelmäßig wachsen sie sich die Oberlippe und singen dazu „I´ve got the power!“. Sie sind eine Augenweide. Geboren, um beglotzt zu werden. Gelesen jedoch … nun ja … urteilen Sie selbst:

„Tetra Pak Getränkekartons bestehen größtenteils aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz, das überwiegend aus verantwortungsvoll bewirtschafteten Wäldern stammt.“

Tapfer formuliert. Mit Einschränkungen. So enthält der Satz zwei beliebte Schwafelwörter aus dem Arsenal jener, deren Leben auf Anraten ihrer Anwälte vor allem „auf der sicheren Seite“ zu verlaufen hat. „Größtenteils“ und „überwiegend“ sind grundsolide Abwiegelungsgeschwister. Nahe Verwandte von Onkel „oft“ und Tante „teilweise“, wenn auch nicht ganz so verkommen wie das öffentlich-rechtliche „offenbar“ und dessen eher in Zeitungen heimischer Halbbruder „offensichtlich“. Die Geschwister lassen manches offen. So zum Beispiel, welche Rohstoffe außer Holz bei der Herstellung von Tetra Paks denn nun noch zum Einsatz kommen? Plastik und Lerchenkotze? Man täts gern wissen und sein grünes Gewissen updaten. Noch mehr interessiert das Gewissen aber, woher das restliche Holz stammt. Jenes, das, wie das„überwiegend“ andeutet, nicht in den „verantwortungsvoll bewirtschafteten Wäldern“ gedieh. Die Antwort kann nur sein, dass ein nicht zu vernachlässigender Teil unserer Tetra Paks von Fallenstellern der Dunkeleisenzwerge in der grünen Lunge des Amazonas raubgewildert und an gierige Schacherzwerge verhökert wurde.

Fiese Schacherzwerge! Bei all der Wachsamkeit, die hierzulande der Geißel des Rassismus und der Intoleranz entgegengebracht wird, kann man sich nur wundern, welche Ausgeburten des Antisemitismus einem unwidersprochen in Computerspielen begegnen. Die Gattung der Schacherzwerge ist das augenscheinlichste Beispiel. In so gut wie jedem Fantasy-Spiel begegnen einem bucklige Zwerge mit „hübschen Zinken“ (frei nach Walter Moers). Selbst an Backenbart und Löckchen mangelt es ihnen nicht. Werden die Spieleentwickler und Grafiker aber deswegen an den öffentlichen Pranger gestellt? Müssen sie Abbitte leisten und Michel Friedmans Haare ablecken? Nein, müssen sie nicht. Denn Herr Friedman verbringt seine Freizeit mitnichten damit, Winzige Purpurrote Welplinge zu jagen und dafür darf man ihn achten. Auch der Mossad hat seinerseits kein Interesse an Gnollen. Also schachern die Zwerge unwidersprochen weiter.

Doch genug von Fabelwesen und weiter im Tetra-Pak-Text:

„Werden die Tetra Paks nach Gebrauch in gelben Tonnen oder Säcken gesammelt, sind sie anschließend wieder verwertbar.“

Das ist schön. Schade allerdings, dass Tetra Paks absolut unverwertbar werden, sollte eine arme Seele sie – sagen wir – in roten Tonnen sammeln. Oder in Eimern. Oder unter dem Bett. Die wunderbaren Erzeugnisse aus Holz, Plastik und Lerchenkotze würden sich bei so einer Behandlung auf der Stelle kräuseln wie die Schuhe der Bösen Hexe des Ostens, würden schmelzen wie das Gesicht des die Bundeslade öffnenden Nazis im „Jäger des verlorenen Schatzes“, vergehen wie die Paarungsgelegenheiten eines Cineasten.

Daraus soll man Milch trinken?

Darum: Nur ansehen, nicht lesen, die Werbetexter. Manch andere Kreative muss man aber leider notgedrungen ranlassen. Zum Beispiel, wenn man sich eine eigene Internetseite zulegen will. Denn leider droppt gutes Design selten und Feld-, Wald- und Wiesenseiten nach dem Baukastensystem sind etwas für Klempner, Anwälte und sonstige Wurstfinger. Also den Experten geholt. Der sagt tausendmal „template“ in der Minute, das ist einigermaßen Englisch und heißt Schablone.  Weiß man also, was Schablone einigermaßen auf Englisch heißt und träumt die ganze Nacht vom wallenden Brusthaar des Experten. Am nächsten Morgen kitzelt einen die Sommersonne an der Nasenspitze. Fröhlich schlägt man die Augen auf und sieht, dass nicht die Sonne kitzelte, sondern ein Winziger Purpurroter Welpling, der einem auf der Brust hockt und dadurch das Designeralpdrücken verursacht hat. Ist man also endlich übergeschnappt, denkt man erleichtert, bis man den Laptop entdeckt in dem der Welpling haust und dessen Gebläse einem die Nippel steif pustet. Der Laptop drückte also wegen des Ranlassens. Musste man die Schablone doch überdenken. Bleibt nur ein Problem: Geld ist keins da.

Der Internetheini will aber welches und unterscheidet sich dadurch von Russlanddeutschen Wehrdienstleistenden. Die antworten auf jeden Befehl nämlich nicht „Jawoll“, sondern „Ich wiiiill nicht“ plus Begründung. Das erzählte mir ein befreundeter Hauptmann, der diese im militärischen Alltag vermutlich eher störende Russlanddeutsche Angewohnheit übrigens als sehr erfrischend empfand. Dem Frieden zuträglich ist sie wohl. Man stelle sich nur vor, wenn dem GröFaZ einst auf sein „seit 05:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen“ aus Millionen Wehrmachtskehlen ein „Ich wiiill nicht – is su früüüh!“ entgegengeschallt wäre. So eine Armee hätte man doch einfach nur liebhaben können. Wenn die Wehrmacht dann schön ausgeschlafen und gebruncht hätte, wäre sie, sagen wir gegen 11:45 Uhr, gähnend, und sich gemütlich am Hintern kratzend nach Polen geschlurft. Wäre unseren Großvätern Feindseligkeit entgegengeschlagen? Nicht doch. Durch ganz Polen wäre der Satz getönt: „Ach wie süß, die Deutschen kommen knuddeln!“ So hätte man sich durchs Land geherzt und bis zur russischen Grenze wäre unser Heer mit tausenden lustigen Schwejks verstärkt gewesen. „Briederchen!“ Mit offenen Schlagbäumen und die Wodkaflasche schwenkend hätte der Sowjet uns empfangen, schnell wäre man gemeinsam hinter den Ural getorkelt und hätte an die herrlichen russischen Birken gepieselt. Mit leuchtenden Augen wäre Opa heimgekehrt und hätte bis an sein Lebensende sehnsüchtig gemurmelt: „Ach ja, Sibirien!“ Verluste hätte es in diesem Zweiten Weltkuscheln, von einigen Schnapsleichen abgesehen, keine gegeben. Ach wie schön wäre eine Welt mit etwas mehr „ich wiiill nicht“!

(c) André Stiefenhofer 2015 – Performance anfragen: kontakt(ät)andre-stiefenhofer.de

Unsere täglichen Drogen gib uns heute

Neulich hab ich mir mal wieder Gedanken über das alte Thema „Legalize it!“ also den Sinn und Unsinn der Legalisierung von Cannabis gemacht und bin dabei derart abgeschweift, dass es interessant wurde.

Man braucht keine Drogen, um Dinge anders zu sehen.

„Eintritt für männliche Limbotänzer verboten.“ Kreative Menschen brauchen keine Drogen, um die Welt anders zu sehen!

Dass es rational gesehen Unsinn ist, Tabak und Alkohol zu erlauben, aber gleichzeitig Cannabis, LSD und Konsorten zu verbieten und die Nutzer damit zu kriminalisieren, ist keine Glaubensfrage, sondern eine inzwischen durch mehrere Studien belegte Tatsache. Wer das nicht glaubt, der höre einfach mal Professor David Nutt eine Stunde lang zu.

Die Verbotsfrage ist eine politische Frage, über die man sich aufregen kann oder nicht. Die Kernfrage stellt allerdings kaum einer, nämlich: „Warum brauche ich Drogen?“ Und jetzt sag bloß nicht „ich nehm keine“! Nach dem Aufstehen gibt’s erst einmal eine Tasse Kaffee. Im Büro die zweite, dritte, vierte, das macht munter. Nicht so schlimm? Genau so wenig wie Cannabis, zumindest falls Du eine Spinne bist. Denn dann fängst Du unter Koffeineinfluss viel weniger Fliegen, wie diese nette Studie belegt hat. Der Mensch tickt da anders, aber warum braucht er Drogen? Weil er ohne sie zu müde ist und unsere „böse“ Wirtschaft uns entfremdet hat?

Eine Droge ist eine Substanz, die etwas in unserem Körper verändert. In der Medizin wird diese Tatsache oft genutzt, um körperliche oder psychische Schmerzen zu lindern, Krämpfe zu lösen und zu entspannen. Aber wieso brauche ich als gesunder Mensch Drogen? Genau das habe ich einmal während einer Sendung auf Radio Horeb einen ehemaligen Heroin-Junkie gefragt. Seine Antwort hat mich überrascht:

„Jeder Drogenkonsum ist purer Egoismus“

In seinem Fall hat die Droge Heroin einen allumfassenden Lebensstil geschaffen, sie war der Mittelpunkt, um den er alles andere angeordnet hat: Freunde, Arbeit, Schlafrhythmus, alles. Warum er das tat? Langeweile, Flucht aus dem Alltag, aus dem Leben. Raus kam er da nur, indem er seinen Junkie-Lebensstil gegen einen komplett abstinenten Lebensstil eingetauscht hat. Statt Droge hat er nun Frau und Kinder, da bleibt wenig Zeit für Egoismus.

Nicht alles was schmeckt, ist gesund, sagt Mama.

Deine Drogen, meine Drogen, unsere Drogen …

Aus dieser Geschichte erspüre ich den Grund für die tägliche Droge. Es ist eine Lifestyle-Frage, dieses „das-brauch-ich-jetzt“. Der Kaffee als Stütze, um in den Tag starten zu können. Ich bin zu spät ins Bett, stehe zu früh auf, brauche-jetzt-etwas. Das tut mir nicht gut, besser wäre ein anderer Rhythmus, aber ich will nicht. Die Raucherpause: Raus aus dem Büro, in die Ecke allein oder mit Gleichgesinnten, Rauch in die Luft blasen, einen klaren Kopf kriegen, fokussiert sein. Das tut mir nicht gut, besser wäre mehr Sport und konzentriertes Arbeiten, aber ich will nicht, denn das-brauch-ich-jetzt. Ich will, dass ich mir das „besser gehn“ kaufen kann.

Und dann wundere ich mich, dass es mir nicht im Sommer mit seinen Grillabenden und Bierrunden am besten geht, sondern im Februar, in der Fastenzeit, wenn jede Droge inklusive Kaffee aus meinem Leben verbannt ist, der Sport mehr Bedeutung bekommt und das Miteinander. Hier geht’s nicht mehr die Frage, was der Staat verbieten sollte oder nicht. Hier fragt es sich nur: Was sollte ich selbst tun oder lassen?

„Ja, aber …“

Ja aber mein Job ist so stressig, ich schlafe so wenig, muss mich entspannen, es ist so gesellig, das brauch ich jetzt und Jesus hat ja auch Wasser in Wein verwandelt, um eine Hochzeit zu retten … Alles richtig und während ich diesen Text schreibe, steht neben mir ein dampfender Kaffee. Aber die Frage „warum mach ich das?“ treibt mich halt um. Ich weiß nicht, ob komplette Abstinenz die Antwort wäre. Wenn das in einen verbiesterten Lebensstil führt, wohl eher nicht. Ich weiß nur, dass es nicht heißt „unsere tägliche Droge gib uns heute“. Ein Denkanstoß, der weg führt vom moralischen Zeigefinger und näher zur Freiheit. Ob Cannabis oder Kaffee ist in dem Fall Wurst. Womit wir beim Thema „Fleisch“ wären, aber das ist eine andere Baustelle …

Der Jimmie, der Charlie und der Jackie

Die 68er und ihre Spitznamen - Allgäu-Edition.

Oh baby, where did we lose our way?

Der Jimmie hat sich Jimmie genannt, weil´s den Charlie schon gegeben hat. Eigentlich hätte der Jimmie lieber Charlie geheißen, aber der Charlie war früher auf die Idee gekommen und zwei Charlies braucht Wimfatzhofen nicht, hat sich der Jimmie gedacht und der Charlie sowieso. Dann hat der Jackie gesagt, Jimmie ist doch eh viel cooler wie Charlie wegen dem Hendrix. Der Jackie war nämlich der Trendscout von Wimfatzhofen. Der Jimmie hat den Hendrix nicht gekannt und als der Jimmie den Hendrix gekannt hat, hat der Jimmie den Hendrix nicht gemocht. Weil der Jimmie spielt Tuba und die tiefen Töne liegen dem Jimmie mehr als das quietschende Gitarrengefrickel vom Hendrix. Aber der Jimmie hat jetzt halt Jimmie geheißen und darum hat der Jimmie sich den Hendrix schönhören müssen. Also hat der Jimmie ihn immer gehört, im Stall, auf dem Traktor, unterm Moped. Innerlich hat der Jimmie dabei immer Pom-Pom-Pom-Pom gemacht, Viervierteltakt, a gscheite Musi halt.

Aber äußerlich war er ganz der Hendrix, der Jimmie, so dass der Charlie sich gefragt hat, wer eigentlich der Charlie war, nach dem der Charlie sich benannt hat. Weil, wenn der Jimmie so ein Hendrix werden kann, muss der Charlie doch auch was gewesen sein. Dem Jackie ist sofort der Charlie Brown eingefallen und das fanden alle sehr passend, aber dem Charlie hat es nicht getaugt. Die Franzi hat ihm schon mehr getaugt. Die hat in der Dorfmusi die Jugend gemacht und darum den Charlie Parker gekannt. Nicht persönlich natürlich, aber auf Platte. Dem Charlie gings mit dem Parker wie dem Jimmy mit dem Hendrix. Aber natürlich hatte auch der Charlie keine Wahl. Wenigstens war auch der Parker ein Neger und darum hat der Vater vom Charlie den Charlie jetzt genauso einen Seckel genannt wie der Vater vom Jimmie den Jimmie einen Hirschen. Was den Jackie aber am Vater vom Charlie beeindruckt hat, war, dass der Vater vom Charlie den Charlie immer Charlie gerufen hat, während der Vater vom Jimmie den Jimmie immer nur „Schorsch“ und der Vater vom Jackie den Jackie bloß „Heinzi“. Sture alte Bauernköpfe waren das.

Damit der Charlie wegen seines coolen Däds nicht übermütig wird, haben der Jimmy und der Jackie den Charlie hin und wieder „Jakob“ genannt. Aber nur, wenn der Charlie einen Dämpfer brauchte, was häufig vorkam, weil der Charlie ja die Franzi hatte und der Jimmie und der Jackie nicht, was eine Hundgemeinheit war vom Charlie, den die Franzi eigentlich gar nicht gemocht hat. Die Franzi war nämlich nur wegen dem Cabrio mit dem Charlie zusammen, das eigentlich dem Jackie gehört hatte, bevor der Jackie damit besoffen in die Hofeinfahrt gerauscht ist und dem Jackie sein Vater es strafverkauft hat und zwar ausgerechnet an den Däd vom Charlie, so ein Hundspech, und das grad, als der Jackie die Franzi zum Busseln in die Berge mitnehmen hat wollen, obwohl gar nicht ausgemacht war, dass die Franzi mitgekommen wäre, weil der Jimmie ihr an dem Wochenende seine neue Tuba hat zeigen wollen, was dann aber Makulatur war, als der depperte Charlie mit dem Cabrio vom Jackie auf den Hof von der Franzi gefahren ist und zwar nach allen Regeln der Straßenverkehrsordnung, dass der Vater von der Franzi sofort in Schwiegersohnlaune war und der Franzi unbegrenzten Ausgang mit dem Charlie gewährt hat, was dann ausschlaggebend zu der Entscheidung von der Franzi beigetragen hat, mit dem Charlie zu Busseln und nicht mit dem Jimmie oder dem Jackie.

Die saublöde Entscheidung von der Franzi hat leider lange gehalten, weil der Charlie war heimatverbundener als der Jimmie und der Jackie zusammen und das hatte die Franzi mit dem Charlie gemeinsam, nicht mit dem Jimmie und dem Jackie. Weswegen die Franzi in dem Haus festgeklebt ist, das der Charlie in Wimfatzhofen gebaut hat, als der Jimmie und der Jackie zum Studieren sind.

Der Jimmie hat schnell angefangen, sich wieder Schorsch zu nennen und nicht nur Schorsch, sondern Georg, weil der Jimmie wollte Jurist werden und da hätte er keine Freude gehabt, wenn er sich Jimmie genannt hätte, obwohl er Schorsch geheißen hat und Schorsch konnte der Jimmie auch nicht mehr heißen weil Schorsch war so ländlich wie Jimmie amerikanisch, also hieß der Jimmie beim Studieren nicht mehr Jimmie oder Schorsch, sondern Georg. Das hat seinen Vater enorm verwirrt, weil der hat gar nicht gewusst, dass der Schorsch eigentlich Georg heißt, der hat gemeint der Schorsch nennt sich Georg genauso wie er sich Jimmie genannt hat, also um den Vater zu ärgern. Darum hat der Vater dem Schorsch das Taschengeld gestrichen, bis der aufhört, sich Georg zu nennen. Das hätte den Georg fast wieder zum Jimmie gemacht, weil wenn der Georg sich die Wohnung in München nicht mehr hätte leisten können, wär´s aus gewesen mit der Juristerei und bevor der Georg dann wieder zum Schorsch wird, hat der Georg sich gedacht, kann er sich gleich wieder Jimmie nennen. Die Mutter vom Schorsch, die den Georg inzwischen gerne Jimmie genannt hat, hat den Vater dann aber mithilfe eines amtlichen Dokuments von der Richtigkeit der Georgschen Behauptung überzeugt. Also hat der Georg die Juristerei gelernt, den Jimmie sein gelassen und der Papa durfte ihn weiter Schorsch nennen.

Beim Jackie war das Ganze komplizierter.

Der Vater vom Jackie wusste zwar, dass der Heinzi eigentlich Heinz geheißen hat, aber warum der Heinzi sich nicht Heinz, sondern weiterhin Jackie genannt hat, das hat der Vater bis zum Tod nicht verstanden. Zum Glück hat der Vater vom Jackie nicht mehr mitgekriegt, dass der Jackie sich in der Großstadt nicht mehr der Jackie sondern die Jackie genannt hat, weil das hätte der Vater noch viel weniger verstanden und dann wäre er unglücklich ins Grab gefahren. So aber ist der Vater von der Jackie als Vater vom Heinzi mit einem Lächeln unter die Räder vom Bulldog gepurzelt. Die Jackie hat das erst Wochen später erfahren, weil sie auf Briefe an Heinzi nicht mehr reagiert hat in ihrer Subkultur an der Nordsee. Es war der Charlie, der den Jackie schließlich ans Telefon bekommen hat, aber der Charlie hat sofort Streit mit der Jackie bekommen, die nichts von dem Jackie hören wollte, was den Charlie dazu bewegt hat, den Georg einzuschalten, der dann als Jimmie bei der Jackie angerufen hat und ihr von seinem gerade virulenten Schorsch-Problem erzählte. Das hat dann nebenbei gesagt bei der Jackie Muttergefühle aktiviert, weswegen die Jackie dann als der Jackie bei der Mutter vom Jimmie angerufen und ein gutes Wort für den Georg eingelegt hat. Aber hauptsächlich hat es der Jimmie geschafft, dem Jackie vom Tod seines Vaters zu berichten, was die Jackie dazu bewegt hat, sich als Heinzi zu verkleiden und mit dem Jimmie und dem Charlie das Grab vom Vater vom Jackie in Wimfatzhofen zu besuchen.

Zu diesem Anlass sind der Jimmie und der Jackie dann zum ersten Mal seit über vier Jahren zurück nach Wimfatzhofen gekommen. Der Charlie und die Franzi haben den Jimmie und den Jackie mit dem Auto vom Bahnhof abgeholt und sich gewundert, wie schorschig der Jimmie und wie heinzig der Jackie ausgesehen hat. Der Jimmie und der Jackie dagegen haben´s nicht fassen können, dass der Charlie noch genau wie der Charlie, aber die Franzi gar nicht mehr wie die Franzi ausgesehen hat. Der Charlie war ja immer schon ein fetter Hundling gewesen, aber die Franzi war erst vor Kurzem ein Opfer ihrer Kochkunst geworden, was den Georg auf der Stelle entliebt und die Jackie endgültig ihrer neuen sexuellen Identität versichert hat. Dass die Franzi so einen positiv-bestärkenden Eindruck auf den Jackie und den Jimmie gemacht hat, hat der Charlie nicht gemerkt und die Franzi selber auch nicht. Der Charlie hat nur misstrauisch beäugt, wie der Jackie und der Jimmie der Franzi auf den Hintern gestarrt haben, nicht ahnend, dass der Jackie und der Jimmie die Franzi nicht bewundert, sondern die Jackie und der Georg die Franzi bemitleidet haben, unter anderem wegen dem Charlie, der immer noch von allen Charlie genannt wurde, nur die Jackie und der Georg haben ihn die ganze Fahrt zum Friedhof über Jakob gerufen, was die Franzi, die den Charlie natürlich auch Charlie genannt hat, sehr witzig fand, ganz im Gegensatz zum Charlie.

Am Grab vom Vater vom Jackie sind der Jimmie, der Charlie und der Jackie dann mit der Franzi gestanden und haben sich Fragen gestellt. Der Jimmie hat sich gefragt, wieso er sich nur wegen der saublöden Coolness und dem Hendrix, den er gehasst hat, jemals Jimmie genannt hat, wo doch Georg viel schöner war oder meinetwegen Schorsch, wenn´s seinem alten Herrn so viel bedeutet. Der Charlie hat sich gefragt, was es wohl zum Mittag gibt. Die Jackie hat sich gefragt, wie viel wohl so eine Umoperation kosten würde. Die Franzi hat sich gefragt, wie der Jackie wohl in diese Hosen gekommen ist. Und alle haben sie sich gefragt, wieso auf dem Grabstein vom Vater vom Jackie, der Xaver geheißen hat, Elvis Huber gestanden ist.

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