Die Grenzen von Erklärvideos: Materialismus und Positivismus.

Ich bin ein großer Fan von Erklärvideos.

Es ist schön, die komplexesten Dinge einfach und unterhaltsam erklärt zu bekommen. Klar, dass ich nach den paar Minuten Video nie ein Experte sein kann … aber mehr Ahnung als vorher habe ich „hinterher“ doch meistens und wie oft mich solche Videos zu eingehenderer wissenschaftlicher Lektüre inspiriert haben, weiß ich gar nicht mehr zu sagen.

Neulich jedoch ist mir etwas aufgefallen, und zwar hier (klicken).

„In a nutshell“ oder „Kurzgesagt“ heißt diese sehr professionell gemachte Serie von Erklärvideos, die sich durch ihre breite Grundlagenrecherche und wissenschaftliche Fundierung von der Konkurrenz abhebt. Das oben verlinkte Video stößt nun aber an eine interessante Grenze: Das nicht Erfahrbare, das Transzendente. Während der Titel suggeriert: „Hey Leute, hier findet Ihr die Antwort!“ erklärt das Video lediglich Banales und sagt am Schluss nur: „Eine Antwort habe ich auch nicht.“ Das „was“ wird ausführlich erklärt, das „warum“ (der Sinn) bleibt leer.

Das liegt daran, dass die Macher des Erklärvideos die Sache ausschließlich materialistisch und positivistisch angegangen sind. Hier können Sie nun ruhig eine kurze Lesepause einlegen und die verlinkten Wikipedia-Artikel studieren. Fertig? Gut. Dann wissen Sie nun, dass beides Denkrichtungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts sind, die sich nur begrenzt zum Erkenntnisgewinn eignen. Dennoch sind sie heute noch die besserwisserischen Grundlagen des Erklärvideos an sich (kleiner Philosophenscherz). Im konkreten Fall des Videos hätte ich mir einen kurzen Ausflug ins Reich der (Religions-) Philosophie gewünscht – oder zumindest einen weiterführenden Link zu einem solchen Video. Seltsam, dass die Macher diesen Themenkomplex meiden.

Leckere Transzendenz täte Erklärvideos gut

Was geschieht nach dem Tod? Für Positivisten und Materialisten heißt die Endstation: Cocktailglas.

Auch ein Großteil des religionskritischen Humors im Internet bedient sich bei den verstaubten Gesellen „Materialismus und Positivismus“. Nach dem Motto: „Was man nicht erfahren kann, ist auch nicht da.“ Hier zum Beispiel setzt Matt Inman den christlichen Glauben mit dem Glauben an eine hinter dem Saturn lebende Riesenkrabbe gleich. So überaus „witzig“ und zielgruppengerecht das auch aufgezogen ist – sonderlich clever ist es nicht. Es sagt lediglich:

„Hey Leute, ihr braucht Euch nicht um Dinge zu kümmern, die Ihr nicht erfahren könnt.“

Das ist materialistisch, positivistisch und im wahrsten Sinne des Wortes beschränkt. Es schließt einen gewaltigen Erkenntnisraum aus: Den Raum des Vermuteten, des Hypothetischen. Die Hypothese jedoch ist der erste Schritt zur Erkenntnis. Ohne Vermutungen kommt man nicht zum Ziel. Schlecht dran ist zwar, wer eine Vermutung als Tatsache hinstellt (so jemanden nennt man „Fundamentalisten“). Nicht viel besser dran ist aber, wer sich über eine Vermutung lustig macht, ohne sie zu begreifen.

Darum, liebe Komiker und Erklärvideo-Macher: Keine Angst vor der Transzendenz. Das Publikum will sie, aber es will sie richtig. Darum zum Abschluss noch eine philosophische Leseempfehlung.

2 Gedanken zu „Die Grenzen von Erklärvideos: Materialismus und Positivismus.

  1. Noch nie von den Videos gehört, aber nach einem ersten Drüberschauen find ich sie, abgesehen von der Erklärgeschwindigkeit, ziemlich nett gemacht. Der Ausflug in die Religionsphilosophie fehlt mir persönlich dabei nicht. Jeder glaubt da was anderes und fühlt sich am Ende übergangen, wenn seine Ansicht nicht mit aufgenommen wurde. Die Wissenschaft dagegen wertet und bewertet nicht, sondern zeigt einfach auf und stelltl auf Basis der derzeitigen Entwicklung Vermutungen für die Zukunft auf. Darüber hinaus kann ich mir dann meine eigenen Gedanken machen.

    • Doch, dieses Video wertet und bewertet. Und zwar durch weglassen. Wer über Leben und Tod redet, muss auch über die Frage des „warum“ sprechen und da gibt es schon in der Philosophie einiges, ohne in den Bereich der Religion abzuschweifen. Das Video behandelt Lebewesen z.B., als seien sie Maschinen und erklärt sie ausschließlich kollektivistisch – das Individuum spielt keine Rolle. Alles, was über die rein materielle Funktionsweise des Körpers hinaus geht, wird ausgeblendet … und das ist gerade bei der Frage von Tod und Leben natürlich wesentlich – denn dass die „Körpermaschine“ stirbt, bestreitet meines Wissens keine Religion der Welt. Wer das Immaterielle in einem Erklärvideo über Leben und Tod weglässt, tut so, als gäbe es diese Sphäre nicht. Genau das meine ich mit den „Grenzen“ des Erklärvideos: Es existiert in diesem Weltbild nur Materielles und direkt Erfahrbares … das kommt wissenschaftlich daher, ist aber nur materialistisch und positivistisch.

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