Über Andre Stiefenhofer

Kreativ - schon immer. Journalist - gelernt. Christ - jo.

Simbabwe: Stillstand im „Brotkorb Afrikas“?

Jahrzehntelang stand der Name des ehemaligen Rebellenführers und Diktators Robert Mugabe für Unterdrückung und Gewaltherrschaft in Simbabwe. Er wirtschaftete das landwirtschaftlich ertragreiche Land herunter und errichtete ein umfassendes Spitzelwesen, das jede gesellschaftliche Veränderung so gut wie unmöglich machte. Auch nach Mugabes Tod schaffte es das Land bisher nicht, sich von seinem Erbe zu lösen. Als Ergebnis treibt der Stillstand vor allem die gut ausgebildeten jungen Menschen in die Emigration. Über die bewegte Geschichte und die Zukunftsperspektiven Simbabwes spreche ich in dieser Ausgabe von “Weitblick” mit dem Journalisten Dr. Johannes Mehlitz, der sich seit Jahren mit dem südlichen Afrika befasst.

Brasilien: Obdachlosen während der Coronavirus-Pandemie helfen.

Pater Christian Heim leitet eine „Fazenda da Esperanca“ im Osten Brasiliens. Auf diesen „Bauerhöfen der Hoffnung“ bekamen vor Ausbruch der Coronavirus-Pandemie nur Suchtkranke eine neue Chance. Doch mitten im gesellschaftlichen Chaos von Lockdown und Kontaktbeschränkung bekamen die „Fazendas“ plötzlich eine neue Mission: Obdachlosen zu helfen. Nicht ohne Bedenken, aber voller Vertrauen folgten Pater Christian und seine Mitbrüder dem neuen Ruf und erfuhren, dass das Vertrauen auf Gott jeden ernährt, der die Armen und Schwachen bei sich aufnimmt. Ein Gespräch über das Leben im Ausnahmezustand, das ohne die ständige Gegenwart Gottes unmöglich wäre, und über eine alles überstrahlende Hoffnung, die jedes Jammern verbietet und bedingungslos neues Leben schenkt:

Hermann Gröhe: Die Religionsfreiheit 2021 aus Sicht der deutschen Politik

Das weltweite katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ hat im April 2021 seinen aktuellen Bericht über die Lage der Religionsfreiheit in fast allen Ländern der Welt veröffentlicht. Darin spielen sowohl die Bedrohung der Freiheit durch autoritäre politische Systeme und den radikalen Islamismus als auch die aktuellen weltweiten Einschränkungen des Glaubenslebens im Zuge der Corona-Pandemie eine Rolle. Über die wichtigsten Erkenntnisse des „Religionsfreiheitsberichts 2021“ und die sich daraus ergebenden Aufgaben für die deutsche Politik spreche ich mit Hermann Gröhe, Vize-Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU im Deutschen Bundestag und Beauftragter der Fraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften in dieser Ausgabe von “Weitblick”.

Von Trump zu Biden: Der Machtwechsel aus kirchlicher Sicht

Die Präsidentschaftswahlen in den USA sind entschieden: Mit Joe Biden ist zum zweiten Mal in der Geschichte ein Katholik ins Weiße Haus eingezogen. Sein Vorgänger Donald Trump hat durch seinen Politikstil die Spaltung der US-Gesellschaft und der Kirche vertieft, doch gleichzeitig manche Christen für sich gewonnen. Aus deren Sicht vertrat er konservative Werte und hat entscheidende Machtpositionen in diesem Sinne besetzt. Werden es kirchliche Standpunkte unter Präsident Biden schwerer haben? Wird ihm die Versöhnung der Gesellschaft gelingen? Und inwieweit wird sein persönlicher Glaube eine Rolle spielen? Diese Fragen beantwortet mir Michael Hochgeschwender, Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, in dieser Ausgabe von “Weitblick”.

Maria und der “Bub am Altar”

… einige Gedanken zum aktuellen kirchlichen Aufregerthema

Wenn es in Kirchendiskussionen um die Rolle des Menschen im Allgemeinen und der Frau in der Kirche im Besonderen geht, fällt mir immer meine Oma ein. Sie war eine Bäuerin und behandelte den Priester ihres Dorfes zeitgemäß als Hochwürden mit allen Ehren. Aber wehe, er fiel in seiner Predigt auch nur einen Millimeter vom Glauben ab. Dann stürmte sie in die Sakristei und las ihm die Leviten. Als ich sie als Kind einmal fragte, ob sie in Anbetracht ihres Glaubens und Wissens nicht selbst Priester werden wolle, grinste sie nur schelmisch. Sie sagte nicht laut, was ich in diesem Moment sofort verstand: Der mächtigste Mensch des Dorfes brauchte kein Amt wie der „Bub am Altar“.

Und heute? Die Kirche glaubt nicht an die Gleichheit der Menschen. An Gleichwertigkeit schon, aber „gleich viel wert“ ist etwas anderes als „gleich“. Die Bibel drückt das in Bezug auf die Geschlechter so aus: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.“ (Gen 1, 27) Wozu diese Unterscheidung, wenn Mensch gleich Mensch ist? Jede und Jeder hat eine besondere Bestimmung und Begabung, auf Frommdeutsch nennt man das „Charisma“.

Die Frage danach, wie das Charisma des Mannes in der Kirche aussieht, wurde mir im Jahr 2006 auf Heilungsexerzitien gestellt. Der Exerzitienleiter konfrontierte mich mit dem Satz: „Das Vorbild des Mannes ist Christus am Kreuz.“ Das hat gesessen. „Aufopferung“, „Selbstverleugnung“ und „sich selbst ganz für andere hingeben“ klingt zunächst wenig erstrebenswert. Aber wenn ein Mann nicht mindestens dreimal täglich „Dein Wille geschehe“ vor sich hinmurmelt, wird er in einer Ehe nicht glücklich. Und als Priester ist er genau deswegen ehelos.

Was dagegen ist das biblische Charisma der Frau in der Kirche? Da führt kein Weg an Maria vorbei. Sie ist nicht nur das Urbild einer Mutter, die niemals von der Seite ihres Kindes weicht. Maria hat den direkten „Draht nach oben“. Etablierte Strukturen und Konventionen greift sie nicht an, sondern unterläuft sie indirekt. „Sie haben keinen Wein mehr“, sagt Maria auf der Hochzeit zu Kana zu Jesus. Nicht: „Schatz, könntest Du bitte Wein besorgen?“ Sie stellt vor Tatsachen, anstatt zu bitten. Maria findet Wege für die gute Sache, wo Männer vor lauter Regeln nicht mehr weiterwissen. Sie ist die Unterstützung, die den „Bub am Altar“ trägt. Will sie sein Priesteramt? Die Antwort ist ein schelmisches Omalächeln.

Maria - Die Frau in der Kirche
Die Frau an sich steht gerne in Grotten.

Die Grenzen von Erklärvideos: Materialismus und Positivismus.

Ich bin ein großer Fan von Erklärvideos.

Es ist schön, die komplexesten Dinge einfach und unterhaltsam erklärt zu bekommen. Klar, dass ich nach den paar Minuten Video nie ein Experte sein kann … aber mehr Ahnung als vorher habe ich “hinterher” doch meistens und wie oft mich solche Videos zu eingehenderer wissenschaftlicher Lektüre inspiriert haben, weiß ich gar nicht mehr zu sagen.

Neulich jedoch ist mir etwas aufgefallen, und zwar hier (klicken).

“In a nutshell” oder “Kurzgesagt” heißt diese sehr professionell gemachte Serie von Erklärvideos, die sich durch ihre breite Grundlagenrecherche und wissenschaftliche Fundierung von der Konkurrenz abhebt. Das oben verlinkte Video stößt nun aber an eine interessante Grenze: Das nicht Erfahrbare, das Transzendente. Während der Titel suggeriert: “Hey Leute, hier findet Ihr die Antwort!” erklärt das Video lediglich Banales und sagt am Schluss nur: “Eine Antwort habe ich auch nicht.” Das “was” wird ausführlich erklärt, das “warum” (der Sinn) bleibt leer.

Das liegt daran, dass die Macher des Erklärvideos die Sache ausschließlich materialistisch und positivistisch angegangen sind. Hier können Sie nun ruhig eine kurze Lesepause einlegen und die verlinkten Wikipedia-Artikel studieren. Fertig? Gut. Dann wissen Sie nun, dass beides Denkrichtungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts sind, die sich nur begrenzt zum Erkenntnisgewinn eignen. Dennoch sind sie heute noch die besserwisserischen Grundlagen des Erklärvideos an sich (kleiner Philosophenscherz). Im konkreten Fall des Videos hätte ich mir einen kurzen Ausflug ins Reich der (Religions-) Philosophie gewünscht – oder zumindest einen weiterführenden Link zu einem solchen Video. Seltsam, dass die Macher diesen Themenkomplex meiden.

Auch ein Großteil des religionskritischen Humors im Internet bedient sich bei den verstaubten Gesellen “Materialismus und Positivismus”. Nach dem Motto: “Was man nicht erfahren kann, ist auch nicht da.” Hier zum Beispiel setzt Matt Inman den christlichen Glauben mit dem Glauben an eine hinter dem Saturn lebende Riesenkrabbe gleich. So überaus “witzig” und zielgruppengerecht das auch aufgezogen ist – sonderlich clever ist es nicht. Es sagt lediglich:

“Hey Leute, ihr braucht Euch nicht um Dinge zu kümmern, die Ihr nicht erfahren könnt.”

Das ist materialistisch, positivistisch und im wahrsten Sinne des Wortes beschränkt. Es schließt einen gewaltigen Erkenntnisraum aus: Den Raum des Vermuteten, des Hypothetischen. Die Hypothese jedoch ist der erste Schritt zur Erkenntnis. Ohne Vermutungen kommt man nicht zum Ziel. Schlecht dran ist zwar, wer eine Vermutung als Tatsache hinstellt (so jemanden nennt man “Fundamentalisten”). Nicht viel besser dran ist aber, wer sich über eine Vermutung lustig macht, ohne sie zu begreifen.

Darum, liebe Komiker und Erklärvideo-Macher: Keine Angst vor der Transzendenz. Das Publikum will sie, aber es will sie richtig. Darum zum Abschluss noch eine philosophische Leseempfehlung.

Was bringen Kommentare in sozialen Medien?

Was bringen Kommentare in sozialen Medien? Um diese Frage zu beantworten, muss ich ein bisschen ausholen:

Es ist nun schon eine ganze Weile her, dass das Radio erfunden wurde. Doch als es noch ein brandneues Medium war, damals in der Weimarer Republik, fanden sich bereits Kritiker, die es besser machen wollten. Berthold Brecht war einer dieser Kritiker. Ihm war das Radio zu einseitig: Immer spricht nur einer und alle anderen hören zu. Brecht wünschte sich in seiner “Radiotheorie”, dass jeder Empfänger auch ein Sender ist. Würde das gelingen, hätte man den „denkbar großartigsten Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem“.

Nun scheint diese Vision im Web 2.0 erfüllt zu sein. Jeder kann heute Feedback geben, Kommentare in sozialen Medien schreiben und nach Herzenslust diskutieren. Aber ist das deswegen tatsächlich Brechts “großartiger Kommunikationsapparat”? Ich denke, das würde er gerade als Antikapitalist anders sehen. Und auch ich als freiheitlicher Demokrat sehe das anders, denn Wirkung und Nutzen sind in den sozialen Medien sehr ungleich verteilt.

Wirkung.

Immer noch gibt es zwei unterschiedliche Machtebenen in den neuen Medien: Diejenigen, die – idealerweise mit einer starken Marke im Rücken – Artikel, Videos und Bilder posten und diejenigen, die lediglich kommentieren, bewerten, diskutieren. Einen Artikel und ein Posting zu erstellen, geht relativ schnell. Aber wie viel Zeit die Menschheit anschließend mit Kommentaren und Diskussionen verbringt, das gehört schon in die Kategorie „volkswirtschaftlicher Schaden“. Denn was hat die größere Wirkung: Ein SPIEGEL-Artikel oder die Diskussion darüber? Ganz klar: Der SPIEGEL-Artikel wirkt, die Diskussion darunter ist für die Mülltonne – nicht immer inhaltlich, aber auf jeden Fall von der Wirkung her gesehen. Das liest sich doch kein Mensch durch und selbst wenn einmal Diskussionen entstehen, bestehen diese nicht aus Argumenten sondern aus Meinungsblasen. Der eine Stamm im “Global Village” zeigt dem anderen seine Kriegsbemalung – verstehen will man einander nicht. Und man soll es ja auch gar nicht, sonst würde den sozialen Medien schnell die Kontroversen ausgehen und damit ihr „Treibstoff“. Es ist ein bisschen wie im Monty-Python-Sketch „The Argument Clinic“, in dem Diskussionen so ablaufen, dass einfach immer nur das Gegenteil von dem behauptet wird, was der andere sagt. Eine solche Diskussion ist nicht befriedigend, denn sie führt zu nichts. Im besten Fall kann man darüber lachen, aber eben nur, weil alles so nutzlos war.

Kommentare in sozialen Medien.

So laufen Kommentare in den sozialen Medien ab: Man steht sich gegenüber, erst schießt der eine, dann der andere. Am Ende sind beide tot (bzw. auch nicht klüger).

Nutzen.

Wenn die Kommentare in sozialen Medien also inhaltlich irrelevant und in ihrer Masse derart sinnlos sind, warum kommentiert man dann überhaupt? Entweder, weil man diese banale Tatsache verkennt oder weil man sich selbst und seine Meinung halt wenigstens irgendwo lesen möchte. Dass diese Meinung die meisten anderen überhaupt nicht interessiert, ist einem egal Und so schreiben alle fleißig ihre Kommentare und glauben, damit einen ungeheuren Beitrag zur öffentlichen Debatte geleistet zu haben. Den einzigen wirklichen Nutzen haben die Kommentare aber für die Medienplattformen. Die Anzahl der Reaktionen auf einen Beitrag, nicht die inhaltliche Qualität, ist die Währung, die den Wert des Beitrags bestimmt. Der fleißige Kommentierer hat also immerhin bei der Marktforschung geholfen. Brav!

Lösung?

Weder der Antikapitalist Bertolt Brecht, noch der Demokrat von heute können also damit zufrieden sein, dass unsere Diskurse nur noch für die Marktforschung taugen. Meine persönliche Lösung ist zweigeteilt:

  1. Mehr posten, weniger kommentieren.
  2. Diskussionen persönlich führen.

Mit dem zweiten Punkt meine ich, dass ich mein Gegenüber auffordere, mit mir in einen persönlichen Mail-Dialog abseits der sozialen Medien zu treten. Das bringt zwei Vorteile mit sich: Zum einen bekommen die Marktforscher kein Futter mehr und zum anderen wird die öffentliche Diskussion dadurch privat, zielführend und man spricht viel gesitteter miteinander, als wenn man sich wie vorher vor aller Welt ankeift.

Funktioniert super, einfach mal ausprobieren!

Ostern ist ein Skandal … !

Da gerade wieder tausend fromme Texte über die Bedeutung von Ostern im Netz herumschwirren, hier eine kleine Faktensammlung. Ostern ist ein Skandal, denn dabei feiern Christen folgendes:

  • Ein Mann wurde am Kreuz brutal hingerichtet, begraben und lag drei Tage mausetot im Grab.
  • Nach drei Tagen wurde er plötzlich wieder lebendig und stand auf.
  • Obwohl weder zu Lebzeiten ein Schwarzenegger noch nach der Kreuzigung in sonderlich guter Verfassung, überwand er den zentnerschweren Felsblock, der das Grab verschloss.
  • Wieder an der frischen Luft begegnete er vielen seiner alten Weggefährten, die ihn zwar erst alle nicht wiedererkennen, dann aber derart überzeugt von seiner Story sind, dass sie eine Weltreligion gründen.
  • Sie sagen: Der Mann war „Gottes Sohn“, d.h. eine Materialisierung Gottes in Zeit und Raum.
  • Der Mann starb und stand nicht für sich selbst wieder auf, sondern überwand damit für alle Menschen ein ehernes Naturgesetz. Konkret heißt das: Weil er starb und wieder auferstand, werden alle Menschen, die an ihn glauben, selbst auch wieder auferstehen.

Sorry, aber wenn man das so liest, klingt das für heutige Ohren wie „Fake News“. Würdest Du das glauben, wenn Dir das exakt so heute eine russische Nachrichtenagentur melden würde? „Alles Spinner jenseits der Wolga“, würde man murmeln und die Meldung wegklicken. Während die ersten drei Punkte noch eine gute Hollywood-Story hergeben, sind die letzten drei schlicht und einfach nur „unglaublich“. Eine derart der täglichen Erfahrung widersprechende abstrakte Gedankenkonstruktion scheint offensichtlich darauf abzuzielen, den Menschen mit ausgedachten „Fake News“ die Angst vor dem Tod zu nehmen und damit ein erfolgreiches Geschäftsmodell zu starten.

Ostern ist ein Skandal

Wer tot ist, bleibt immer tot. Oder etwa nicht?

Das wäre möglich.

Oder aber, es ist alles wahr. Hinweise darauf gibt es. So zum Beispiel, dass die Weggefährten des Mannes keinen Profit aus der „unglaublichen Geschichte“ schlagen konnten, aber trotzdem an ihr festhielten. Die meisten von ihnen wurden deshalb sogar umgebracht. Und selbst diejenigen, die die neue Lehre ausrotten wollten, konnten sich das leere Grab nicht erklären. Denn die römische Armee hatte es bewacht. Trotz Verfolgung und Unterdrückung hielt sich die Botschaft im östlichen Mittelmeerraum und gelangte schließlich nach Rom. Von dort aus wurde sie Kern dessen, was wir „Europa“ und „Abendland“ nennen. Christen, denen ihr Glauben rein materielle Vorteile verschaffte, gab es erst viele Jahrhunderte später. Also wäre die Sache zumindest für die Weggefährten des Mannes eine – mit Verlaub – saudumme Geschäftsidee gewesen.

Aber gut, viele Menschen machen Dummheiten und verlieren dabei ihr Leben. Warum ich die Geschichte glaube, liegt an ihrer übermenschlichen Stimmigkeit. Was meine ich damit? Nun die meisten Weltreligionen haben in sich stimmige Welt- und Gotteserklärungskonzepte nach den Regeln des „gesunden Menschenverstandes“ aufgebaut. Das haben sie, wie Chesterton einmal bemerkte, mit Geisteskranken gemein, denn auch deren Weltbilder sind in sich schlüssig. Nicht so das Christentum. Ostern ist nicht logisch oder nach menschlichem Ermessen stimmig. Ostern ist ein unfassbarer Einbruch der Transzendenz. Ostern ist ein Skandal, an dem sich die Geister scheiden.

Und genau das passt zum Mann am Kreuz und im Grab, passt zu Jesus Christus. Ein einfacher Sohn eines Zimmermanns kommt da plötzlich mit einer revolutionären Ethik, einer Philosophie und einer Heilsbotschaft daher, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Wo um alles in der Welt hatte er seine Weisheiten her? Wie kam er auf die ungeheuerlichen Dinge, die er sagte und tat? Der Mann ist ein Rätsel, das unlösbar bleibt, so lange man seinen Worten nicht glaubt: “Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.” Wer ihm folgt, folgt keinem Menschen sondern einer übermenschlichen Botschaft, einer Offenbarung. „Liebt eure Feinde!“ Das ist nicht menschlich, das schaff‘ ich nicht mal im Straßenverkehr, aber ist es deshalb „Fake News“? Nein, das führt weiter, viel weiter. Wer an Ostern glaubt, begibt sich auf schwankenden Boden. Ostern ist unglaublich, nicht zu beweisen. Aber es passt zu Jesus Christus, darum ist es glaubhaft.

Das heißt nicht, dass ich nicht skeptisch bin. Aber ich glaube und bin gespannt auf meine eigene Auferstehung. Und wer mich deshalb belächelt, der sollte mal überlegen, was ich dadurch riskiere. Genau. Nichts.

Die Fastenzeit mit Fight Club verstehen

Die katholische Kirche und Chuck Palahniuk mögen wenig miteinander zu tun haben – die Verfilmung seines Buchs „Fight Club“ eignet sich aber hervorragend als Start in die Fastenzeit.

Fastenzeit mit Fight Club

Jesus Christus statt Tyler Durden – darum geht’s in der Fastenzeit …

Die Fastenzeit mit Fight Club einzuläuten – das ist nicht so abwegig wie es klingt, denn einige Zitate aus dem Film scheinen quasi am Aschermittwoch geschrieben worden zu sein:

„Zuerst musst du wissen, nicht fürchten, sondern wissen, dass du einmal sterben wirst.“

Genau darum geht es am Aschermittwoch in der Kirche: „Gedenke, Mensch, dass du Staub bist und zu Staub zurückkehrst“, sagt der Priester, wenn er den (mehr oder weniger) Gläubigen ein Kreuz aus Asche auf den Kopf streut. Das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit geht mir im Alltag oft komplett ab – in der Fastenzeit soll dieser Alltag durchbrochen und wieder auf tragfähige Fundamente gestellt werden. Dazu muss ich mir klar machen, was Fight-Club-Held Tyler Durden mit den folgenden Worten beschreibt:

„Du bist nicht dein Job! Du bist nicht das Geld auf deinem Konto! Nicht das Auto, das du fährst! Nicht der Inhalt deiner Brieftasche! Und nicht deine blöde Cargo-Hose! Du bist der singende, tanzende Abschaum der Welt.“

Wer ein Problem mit dem Begriff „Abschaum der Welt“ hat, dürfte vermutlich auch ein Problem mit dem Begriff „Sünde“ haben. Ohne die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen wäre aber die Fastenzeit und damit auch Ostern selbst sinnlos. Nur weil die ursprüngliche Krone der Schöpfung sich zum „Abschaum der Welt“ entwickelte, musste Gott seinen Sohn auf die Welt schicken. Nur weil sich der Mensch so weit von dem entfernt hatte, was er eigentlich ist, musste Jesus Christus sterben und auferstehen. Mal wieder herunterzukommen vom täglichen hohen Ross und meine eigene Erlösungsbedürftigkeit im ganzen Ausmaß zu begreifen – darum geht es in der österlichen Bußzeit. Nur wenn ich mir meiner Lage bewusst werde, kann ich mich ändern:

„Eine ganze Generation zapft Benzin, räumt Tische ab und schuftet als Schreibtischsklaven. Durch die Werbung sind wir heiß auf Klamotten und Autos, machen Jobs die wir hassen und kaufen Scheiße, die wir nicht brauchen. Wir wurden durch das Fernsehen in dem Glauben aufgezogen, dass wir alle mal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars. Werden wir aber nicht, und das wird uns langsam klar.“

Diese knallharte Analyse in „Fight Club“ unterscheidet sich nicht von der eines gläubigen Christen: Dieses materialistische „vor-sich-hin-leben“ bringt’s nicht, beutet mich nur aus, macht mich kaputt. Nur ist die Schlussfolgerung eines Christen eine andere als die in „Fight Club“. Während der Held dort einen wütenden Aufstand gegen die Gesellschaft beginnt und schließlich eine faschistische Terrororganisation gründet, um die Welt zurück in die Steinzeit zu bomben, findet die menschliche Verzweiflung im Christentum ein besseres Ventil: Ich muss mich ändern, nicht die anderen. Durch Gebet, intensive Suche nach Gott und aktive Nächstenliebe.

Das ist gelebte Fastenzeit und das tut mir gut.

Form und Inhalt: Der Königsweg der Analyse!

Es gibt ein Rezept, mit dessen Hilfe man so gut wie jedes Problem verstehen kann. Wohlgemerkt: Verstehen. Die Lösung benötigt noch etwas mehr. Doch der Schlüssel zum Verständnis heißt: Form und Inhalt. Was meine ich damit?

Das ist einfach erklärt. Stellen Sie sich vor, Sie begegnen einem Unbekannten auf der Straße: Griesgrämiges Gesicht, ungepflegtes Äußeres, deutlich riechbare Hygieneschwäche. Wie werden Sie sich diesem Menschen gegenüber verhalten? Sollte klar sein. Was aber, wenn dieser Unbekannte kein Unbekannter, sondern Ihr Vorgesetzter ist? Und noch dazu ein hochintelligenter Mensch, der in seiner Branche weltweit geltende Maßstäbe gesetzt hat? Wie sieht ihr Verhalten nun aus? Jetzt fließen plötzlich ganz andere Faktoren in Ihr Handeln ein. Genau das ist Form und Inhalt: Äußere Erscheinung im Gegensatz zum inneren Wert. Emotionaler erster Eindruck im Gegensatz zu rationaler Bewertung. Oder Bauch/Herz kontra Kopf/Hirn.

Diese Schablone hilft nicht nur im Umgang mit Menschen, sondern auch mit abstrakten Vorgängen. In der Projektarbeit beispielsweise ist die sachliche Arbeit der Inhalt. Diese kann aber nicht funktionieren, wenn die Form nicht stimmt. Das ist z.B. dann der Fall, wenn Kommunikationshürden bestehen, Teammitglieder miteinander konkurrieren oder ganz einfach das vorgegebene Budget unrealistisch ist. Hier muss die Führungskraft erkennen: was ist Form und Inhalt? Geht es nicht voran, weil sachlich falsch gearbeitet wird, oder muss der Rahmen, der Kanal, die Form zunächst gereinigt werden. Ein konkretes Beispiel, das wohl jeder so oder so ähnlich schon einmal erlebt hat, ist der Chef, der sagt “meine Türen stehen Ihnen immer offen”, aber in kritischen Situationen nie erreichbar ist. Hier kann der Mitarbeiter sachlich (Inhalt) so gut arbeiten wie er will, wenn die vorher definierten Entscheidungswege (Form) nicht funktionieren, wird das nichts.

Form und Inhalt lösen Probleme in jedem Labyrinth

“Form und Inhalt” lösen auch die verzwicktesten Probleme.

Vom zwischenmenschlichen Miteinander und der Geschäftswelt abgesehen hilft dieses Schema auch in gesellschaftlichen Dimensionen bei der Problemanalyse. Viel wird geklagt über den verkommenen Umgangston in den sozialen Medien und die Zunahme sektiererischer Grüppchenbildung in der Politik. Doch kaum einer kommt auf die Idee, dass das nicht an den Menschen liegt, sondern an der formalen Vorgabe der verwendeten Medien. Denn Facebook oder Twitter sind keine Nachrichtendienste. Es sind als Selbstzweck konzipierte Kanäle, deren Währung Akklamation ist. Die ständige Erregung öffentlichen Ärgernisses, der andauernde Ausnahmezustand ist das Geschäftsmodell aller sozialen Medien. Alles ist immer und sofort relevant. Und alles benötigt immer und gleich eine Reaktion vom Nutzer. Dieser Form folgt der Inhalt – und darum braucht man sich nicht weiter zu wundern.

Die Kategorien “Form und Inhalt” helfen also beim Verstehen von Problemen. Helfen Sie auch bei der Lösungsfindung? Selbstverständlich, denn viel zu oft wird versucht, formale Probleme auf der inhaltlichen Sachebene zu lösen. Nur wer die Natur des Problems erkannt hat, ist in der Lage, es zu lösen. Und außerdem erschließt dieser Ansatz eine völlig neue Metaebene. Man ist plötzlich in der Lage, neue formale Vorgaben zu entwerfen, die einen inhaltlich weiterbringen. Anstatt blockiert zu sein, ändert man die Spielregeln und wird plötzlich innovativ. Das ist der Königsweg der Analyse.