Hermann Gröhe: Die Religionsfreiheit 2021 aus Sicht der deutschen Politik

Das weltweite katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ hat im April 2021 seinen aktuellen Bericht über die Lage der Religionsfreiheit in fast allen Ländern der Welt veröffentlicht. Darin spielen sowohl die Bedrohung der Freiheit durch autoritäre politische Systeme und den radikalen Islamismus als auch die aktuellen weltweiten Einschränkungen des Glaubenslebens im Zuge der Corona-Pandemie eine Rolle. Über die wichtigsten Erkenntnisse des „Religionsfreiheitsberichts 2021“ und die sich daraus ergebenden Aufgaben für die deutsche Politik spreche ich mit Hermann Gröhe, Vize-Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU im Deutschen Bundestag und Beauftragter der Fraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften in dieser Ausgabe von “Weitblick”.

Von Trump zu Biden: Der Machtwechsel aus kirchlicher Sicht

Die Präsidentschaftswahlen in den USA sind entschieden: Mit Joe Biden ist zum zweiten Mal in der Geschichte ein Katholik ins Weiße Haus eingezogen. Sein Vorgänger Donald Trump hat durch seinen Politikstil die Spaltung der US-Gesellschaft und der Kirche vertieft, doch gleichzeitig manche Christen für sich gewonnen. Aus deren Sicht vertrat er konservative Werte und hat entscheidende Machtpositionen in diesem Sinne besetzt. Werden es kirchliche Standpunkte unter Präsident Biden schwerer haben? Wird ihm die Versöhnung der Gesellschaft gelingen? Und inwieweit wird sein persönlicher Glaube eine Rolle spielen? Diese Fragen beantwortet mir Michael Hochgeschwender, Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, in dieser Ausgabe von “Weitblick”.

Maria und der “Bub am Altar”

… einige Gedanken zum aktuellen kirchlichen Aufregerthema

Wenn es in Kirchendiskussionen um die Rolle des Menschen im Allgemeinen und der Frau in der Kirche im Besonderen geht, fällt mir immer meine Oma ein. Sie war eine Bäuerin und behandelte den Priester ihres Dorfes zeitgemäß als Hochwürden mit allen Ehren. Aber wehe, er fiel in seiner Predigt auch nur einen Millimeter vom Glauben ab. Dann stürmte sie in die Sakristei und las ihm die Leviten. Als ich sie als Kind einmal fragte, ob sie in Anbetracht ihres Glaubens und Wissens nicht selbst Priester werden wolle, grinste sie nur schelmisch. Sie sagte nicht laut, was ich in diesem Moment sofort verstand: Der mächtigste Mensch des Dorfes brauchte kein Amt wie der „Bub am Altar“.

Und heute? Die Kirche glaubt nicht an die Gleichheit der Menschen. An Gleichwertigkeit schon, aber „gleich viel wert“ ist etwas anderes als „gleich“. Die Bibel drückt das in Bezug auf die Geschlechter so aus: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.“ (Gen 1, 27) Wozu diese Unterscheidung, wenn Mensch gleich Mensch ist? Jede und Jeder hat eine besondere Bestimmung und Begabung, auf Frommdeutsch nennt man das „Charisma“.

Die Frage danach, wie das Charisma des Mannes in der Kirche aussieht, wurde mir im Jahr 2006 auf Heilungsexerzitien gestellt. Der Exerzitienleiter konfrontierte mich mit dem Satz: „Das Vorbild des Mannes ist Christus am Kreuz.“ Das hat gesessen. „Aufopferung“, „Selbstverleugnung“ und „sich selbst ganz für andere hingeben“ klingt zunächst wenig erstrebenswert. Aber wenn ein Mann nicht mindestens dreimal täglich „Dein Wille geschehe“ vor sich hinmurmelt, wird er in einer Ehe nicht glücklich. Und als Priester ist er genau deswegen ehelos.

Was dagegen ist das biblische Charisma der Frau in der Kirche? Da führt kein Weg an Maria vorbei. Sie ist nicht nur das Urbild einer Mutter, die niemals von der Seite ihres Kindes weicht. Maria hat den direkten „Draht nach oben“. Etablierte Strukturen und Konventionen greift sie nicht an, sondern unterläuft sie indirekt. „Sie haben keinen Wein mehr“, sagt Maria auf der Hochzeit zu Kana zu Jesus. Nicht: „Schatz, könntest Du bitte Wein besorgen?“ Sie stellt vor Tatsachen, anstatt zu bitten. Maria findet Wege für die gute Sache, wo Männer vor lauter Regeln nicht mehr weiterwissen. Sie ist die Unterstützung, die den „Bub am Altar“ trägt. Will sie sein Priesteramt? Die Antwort ist ein schelmisches Omalächeln.

Maria - Die Frau in der Kirche
Die Frau an sich steht gerne in Grotten.

Ostern ist ein Skandal … !

Da gerade wieder tausend fromme Texte über die Bedeutung von Ostern im Netz herumschwirren, hier eine kleine Faktensammlung. Ostern ist ein Skandal, denn dabei feiern Christen folgendes:

  • Ein Mann wurde am Kreuz brutal hingerichtet, begraben und lag drei Tage mausetot im Grab.
  • Nach drei Tagen wurde er plötzlich wieder lebendig und stand auf.
  • Obwohl weder zu Lebzeiten ein Schwarzenegger noch nach der Kreuzigung in sonderlich guter Verfassung, überwand er den zentnerschweren Felsblock, der das Grab verschloss.
  • Wieder an der frischen Luft begegnete er vielen seiner alten Weggefährten, die ihn zwar erst alle nicht wiedererkennen, dann aber derart überzeugt von seiner Story sind, dass sie eine Weltreligion gründen.
  • Sie sagen: Der Mann war „Gottes Sohn“, d.h. eine Materialisierung Gottes in Zeit und Raum.
  • Der Mann starb und stand nicht für sich selbst wieder auf, sondern überwand damit für alle Menschen ein ehernes Naturgesetz. Konkret heißt das: Weil er starb und wieder auferstand, werden alle Menschen, die an ihn glauben, selbst auch wieder auferstehen.

Sorry, aber wenn man das so liest, klingt das für heutige Ohren wie „Fake News“. Würdest Du das glauben, wenn Dir das exakt so heute eine russische Nachrichtenagentur melden würde? „Alles Spinner jenseits der Wolga“, würde man murmeln und die Meldung wegklicken. Während die ersten drei Punkte noch eine gute Hollywood-Story hergeben, sind die letzten drei schlicht und einfach nur „unglaublich“. Eine derart der täglichen Erfahrung widersprechende abstrakte Gedankenkonstruktion scheint offensichtlich darauf abzuzielen, den Menschen mit ausgedachten „Fake News“ die Angst vor dem Tod zu nehmen und damit ein erfolgreiches Geschäftsmodell zu starten.

Ostern ist ein Skandal

Wer tot ist, bleibt immer tot. Oder etwa nicht?

Das wäre möglich.

Oder aber, es ist alles wahr. Hinweise darauf gibt es. So zum Beispiel, dass die Weggefährten des Mannes keinen Profit aus der „unglaublichen Geschichte“ schlagen konnten, aber trotzdem an ihr festhielten. Die meisten von ihnen wurden deshalb sogar umgebracht. Und selbst diejenigen, die die neue Lehre ausrotten wollten, konnten sich das leere Grab nicht erklären. Denn die römische Armee hatte es bewacht. Trotz Verfolgung und Unterdrückung hielt sich die Botschaft im östlichen Mittelmeerraum und gelangte schließlich nach Rom. Von dort aus wurde sie Kern dessen, was wir „Europa“ und „Abendland“ nennen. Christen, denen ihr Glauben rein materielle Vorteile verschaffte, gab es erst viele Jahrhunderte später. Also wäre die Sache zumindest für die Weggefährten des Mannes eine – mit Verlaub – saudumme Geschäftsidee gewesen.

Aber gut, viele Menschen machen Dummheiten und verlieren dabei ihr Leben. Warum ich die Geschichte glaube, liegt an ihrer übermenschlichen Stimmigkeit. Was meine ich damit? Nun die meisten Weltreligionen haben in sich stimmige Welt- und Gotteserklärungskonzepte nach den Regeln des „gesunden Menschenverstandes“ aufgebaut. Das haben sie, wie Chesterton einmal bemerkte, mit Geisteskranken gemein, denn auch deren Weltbilder sind in sich schlüssig. Nicht so das Christentum. Ostern ist nicht logisch oder nach menschlichem Ermessen stimmig. Ostern ist ein unfassbarer Einbruch der Transzendenz. Ostern ist ein Skandal, an dem sich die Geister scheiden.

Und genau das passt zum Mann am Kreuz und im Grab, passt zu Jesus Christus. Ein einfacher Sohn eines Zimmermanns kommt da plötzlich mit einer revolutionären Ethik, einer Philosophie und einer Heilsbotschaft daher, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Wo um alles in der Welt hatte er seine Weisheiten her? Wie kam er auf die ungeheuerlichen Dinge, die er sagte und tat? Der Mann ist ein Rätsel, das unlösbar bleibt, so lange man seinen Worten nicht glaubt: “Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.” Wer ihm folgt, folgt keinem Menschen sondern einer übermenschlichen Botschaft, einer Offenbarung. „Liebt eure Feinde!“ Das ist nicht menschlich, das schaff‘ ich nicht mal im Straßenverkehr, aber ist es deshalb „Fake News“? Nein, das führt weiter, viel weiter. Wer an Ostern glaubt, begibt sich auf schwankenden Boden. Ostern ist unglaublich, nicht zu beweisen. Aber es passt zu Jesus Christus, darum ist es glaubhaft.

Das heißt nicht, dass ich nicht skeptisch bin. Aber ich glaube und bin gespannt auf meine eigene Auferstehung. Und wer mich deshalb belächelt, der sollte mal überlegen, was ich dadurch riskiere. Genau. Nichts.

Die Fastenzeit mit Fight Club verstehen

Die katholische Kirche und Chuck Palahniuk mögen wenig miteinander zu tun haben – die Verfilmung seines Buchs „Fight Club“ eignet sich aber hervorragend als Start in die Fastenzeit.

Fastenzeit mit Fight Club

Jesus Christus statt Tyler Durden – darum geht’s in der Fastenzeit …

Die Fastenzeit mit Fight Club einzuläuten – das ist nicht so abwegig wie es klingt, denn einige Zitate aus dem Film scheinen quasi am Aschermittwoch geschrieben worden zu sein:

„Zuerst musst du wissen, nicht fürchten, sondern wissen, dass du einmal sterben wirst.“

Genau darum geht es am Aschermittwoch in der Kirche: „Gedenke, Mensch, dass du Staub bist und zu Staub zurückkehrst“, sagt der Priester, wenn er den (mehr oder weniger) Gläubigen ein Kreuz aus Asche auf den Kopf streut. Das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit geht mir im Alltag oft komplett ab – in der Fastenzeit soll dieser Alltag durchbrochen und wieder auf tragfähige Fundamente gestellt werden. Dazu muss ich mir klar machen, was Fight-Club-Held Tyler Durden mit den folgenden Worten beschreibt:

„Du bist nicht dein Job! Du bist nicht das Geld auf deinem Konto! Nicht das Auto, das du fährst! Nicht der Inhalt deiner Brieftasche! Und nicht deine blöde Cargo-Hose! Du bist der singende, tanzende Abschaum der Welt.“

Wer ein Problem mit dem Begriff „Abschaum der Welt“ hat, dürfte vermutlich auch ein Problem mit dem Begriff „Sünde“ haben. Ohne die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen wäre aber die Fastenzeit und damit auch Ostern selbst sinnlos. Nur weil die ursprüngliche Krone der Schöpfung sich zum „Abschaum der Welt“ entwickelte, musste Gott seinen Sohn auf die Welt schicken. Nur weil sich der Mensch so weit von dem entfernt hatte, was er eigentlich ist, musste Jesus Christus sterben und auferstehen. Mal wieder herunterzukommen vom täglichen hohen Ross und meine eigene Erlösungsbedürftigkeit im ganzen Ausmaß zu begreifen – darum geht es in der österlichen Bußzeit. Nur wenn ich mir meiner Lage bewusst werde, kann ich mich ändern:

„Eine ganze Generation zapft Benzin, räumt Tische ab und schuftet als Schreibtischsklaven. Durch die Werbung sind wir heiß auf Klamotten und Autos, machen Jobs die wir hassen und kaufen Scheiße, die wir nicht brauchen. Wir wurden durch das Fernsehen in dem Glauben aufgezogen, dass wir alle mal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars. Werden wir aber nicht, und das wird uns langsam klar.“

Diese knallharte Analyse in „Fight Club“ unterscheidet sich nicht von der eines gläubigen Christen: Dieses materialistische „vor-sich-hin-leben“ bringt’s nicht, beutet mich nur aus, macht mich kaputt. Nur ist die Schlussfolgerung eines Christen eine andere als die in „Fight Club“. Während der Held dort einen wütenden Aufstand gegen die Gesellschaft beginnt und schließlich eine faschistische Terrororganisation gründet, um die Welt zurück in die Steinzeit zu bomben, findet die menschliche Verzweiflung im Christentum ein besseres Ventil: Ich muss mich ändern, nicht die anderen. Durch Gebet, intensive Suche nach Gott und aktive Nächstenliebe.

Das ist gelebte Fastenzeit und das tut mir gut.

Zum Lutherjahr 2017: Die Medienrevolution “Buchdruck” und wie der Reformator davon profitierte.

2017 ist Lutherjahr, das heißt: 500 Jahre ist es nun schon her, dass Martin Luther seine Thesen an die Wittenberger Schloßkirche anschlug. Überall im Land wird zurzeit dieser umwälzenden Tat gedacht. Was dabei kaum jemand bedenkt: Luther war damals weniger innovativ, als vielmehr Nutznießer einer Medienrevolution.

Der Reformator war der Steve Jobs der Renaissance: Er hatte das Glück, genau zur richtigen Zeit geboren zu werden, denn ohne die revolutionären Umwälzungen des Buchdrucks wäre er ein mit sich und der Kirche hadernder Mönch ohne Massenwirkung geblieben. Seien wir ehrlich: An eine Kirchentür genagelte Thesen sind zwar ein Affront, aber die direkte Wirkung dieses Mediums beschränkte sich auf etwa fünf Meter Sichtweite.

Wie genau Martin Luther von der Medienrevolution des Buchdrucks profitierte und was sich dadurch in Kirche und Gesellschaft änderte, führe ich zum Lutherjahr 2017 in diesem Artikel in der “Tagespost” aus (klicken).

Lesetipp: Mediale Betrachtungen in Zeiten des Terrors …

… oder vielleicht besser: Terrorbetrachtungen in Zeiten der Medien?

In der empfehlenswerten Tageszeitung “Die Tagespost” habe ich die aktuelle Medienberichterstattung zur “Bedrohung” durch den Terror aus Sicht der Theorien des Medienwissenschaftlers Marshall McLuhan beschrieben und einige biografische Hintergründe über den Katholiken McLuhan zusammengetragen.

Den Artikel finden Sie hier (klicken)!

“Gott” ist ein schönes Wort – aber was bedeutet es?

Warum heißt Gott eigentlich Gott? Wo kommt das Wort her? Und was hat diese Frage mit uns Deutschen zu tun? Also was unterscheidet „Gott“ zum Beispiel vom französischen „Dieu“ oder dem spanischen „Dios“? Folgen Sie mir, es wird interessant!

Fangen wir mit unseren südwestlichen Nachbarn an: Die Wurzel für „Dieu“ und „Dios“ liegt im lateinischen Wort „deus“. Dieses Wort wiederum stammt von „dies“, was „Tag“ oder im Ursprung auch „Himmel“ bedeutet. Der römische Göttervater heißt Jupiter – dieser Name setzt sich zusammen aus „Dies“ und „Pater“, was man mit „Himmelsvater“ übersetzen kann. Damit verbindet sich die Vorstellung eines autonomen überirdischen Wesens, das über seine Schöpfung wacht.

Wort Gott Herkunft

Das ist es. Doch woher kommt es?

Woher kommt nun das Wort „Gott“? Dafür gibt es zwei Theorien, denen ich eine Dritte hinzufügen werde. Bis in die Wikipedia hinein haben es zwei indogermanische Wurzeln geschafft. „Gheu“ für „(an)rufen“ oder „gießen“ führte demnach zu „ghuto“ und dies zu „Gott“. Nun besteht zwischen „anrufen“ und „gießen“ ja ein kleiner Unterschied, darum denken wir doch mal beide Wurzeln zu Ende.

Würde „anrufen“ im Wort „Gott“ stecken, würde es ausnahmslos jedes jenseitige Wesen bezeichnen, das je von den Menschen um Hilfe gebeten wurde. Das wäre aus zwei Gründen seltsam: Zum einen würden den damaligen Menschen dann für Engel, Dämonen und Geister die Worte fehlen – und das war bei unseren abergläubischen Vorfahren nun nachweislich nicht der Fall. Und zum zweiten hätten unsere Vorfahren ihren „Gott“ dann schon durch die Definition als mit Bitten zu bestürmendes und beeinflussbares Wesen erkannt. Die Allmacht, Unberechenbarkeit und Schöpfungsgewalt bliebe durch so eine Sicht schon sehr auf der Strecke. Man wäre bei der Begriffsbildung dann nämlich nicht vom zu beschreibenden Objekt, sondern vom Menschen ausgegangen: Gott ist der, den Menschen anbeten. So eine Aussage geht vom Subjekt aus, ist konstruktivistisch und somit sehr modern. Mit derselben Logik könnte man ein Flugzeug als „Gerät, in das sich Menschen hineinsetzen um durch die Luft von a nach b zu gelangen“ beschreiben. Das ist nicht falsch, es würde so aber niemand sagen. Viel eher würde man von den Eigenschaften des Objekts ausgehen und sagen „ein Flugzeug ist ein Gerät, das fliegt“. Daher ist es logischer, dass unsere Vorfahren mit dem Wort „Gott“ vor allem dessen Wesen beschreiben wollten und nicht, wie sie zu ihm stehen. Ist das beim Wort „gießen“ der Fall? Nicht, wenn man der Mehrheit der Etymologen (also Wortwurzelforschern) glaubt. Die sagen nämlich, „gießen“ weise auf dargebrachte Trankopfer hin, es gehe also in dieselbe Richtung wie die erste Erklärung: Gott ist der, dem Menschen Opfer darbringen. Das leuchtet mir wie gesagt nicht ein. Viel stimmiger finde ich, dass Gott als „Ausgießer“ von Gnaden, Glück und gutem Wetter betrachtet wurde. Das würde auch viel stärker mit der romanischen Sicht des Jupiter als Himmelsvater zusammenpassen.

So, aber jetzt wird’s richtig wild, denn jetzt kommt auch noch das Wort für die Deutschen ins Spiel! Wie wir aus „Asterix“ wissen, hießen die ja mal „Goten“. Hoppla. Merken Sie was? Ja genau: Das ist derselbe Wortstamm! Allerdings in einer etwas schlüpfrigeren Variante, darum lassen Sie mich hier sicherheitshalber aus der seriösen „Geschichte der Westgoten“ von Gerd Kampers (S. 24) zitieren: „Es dürfte sich bei „Gutones“ (Goten) um ein nomen agentis im Sinne von ‚Samen ergießen‘ handeln.“ Äh, Moment, Herr Kampers!? Wollen Sie uns damit sagen, dass sich unsere Vorfahren selbst freiwillig und kollektiv als „Samenergießer“ bezeichnet haben!? Asterix bei den Samenergießern? Kann nicht sein, oder!?

Doch, es sieht ganz so aus – und damit wären wir mal wieder bei einem guten alten Problem der Historiker: Man geht bei der Betrachtung früherer Zeiten immer von sich selbst und seinem aufgeklärten, emanzipierten und hochgeistigen Leben aus. Das funktioniert aber nicht, denn unsere chauvinistischen Macho-Vorfahren tickten aus vielen Gründen noch ganz anders. Überträgt man die Erkenntnis des Wortes „Goten“ nun auf „Gott“, dann ist er der Lebensspender und der Schöpfer. Das ist doch schon eine deutlich andere Sichtweise als die eines angebeteten Götzen und passt ebenso wunderbar zu den nördlich der Alpen hinreichend bekannten Fruchtbarkeitskulten wie auch zur romanischen Deutung des “Vaters”. Denn was ist ein Vater anderes als ein …, na, Sie wissen schon!

Nun sind wir heute keine Goten mehr, sondern Deutsche. Aber Gott heißt immer noch Gott. Was macht dieses Wort mit uns? Es sollte uns Gläubigen reiche Frucht bringen und ein Leben in Fülle verheißen. Zum Abschluss ist das doch noch ein schöner Gedanke zu einem schönen Wort mit leicht unschöner Herleitung.

Die Macht des Wortes erkennen.

Die Macht des Wortes in einem Satz:

“Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.” (Joh 1, 14)

Zu solchen Bibelstellen nicken Gläubige brav mit dem Kopf und Atheisten zucken gleichgültig mit den Schultern. Was soll das bitteschön heißen: “Das Wort ist Fleisch geworden”? Die Gläubigen sagen “na klar”, damit ist die Geburt Jesu gemeint. Aber das beantwortet die Frage nicht. Jesus ist doch kein Wort! Klarer wird die Sache, wenn man den griechischen Originaltext betrachtet. Dort steht statt “Wort” “Logos” und das meint die ordnende, “logische” Schöpfungskraft, durch die alles entstanden ist. “Das Wort” ist nach diesem Verständnis der sinn- und planvolle Urknallverursacher, eine archaische Kraft aus Urzeiten, zeitlos und übermenschlich. Dieses “Wort” wird Mensch. Schwächer und sterblicher geht’s kaum.

Ist das Rätsel damit gelöst? Gott ist das “Logos” und in Jesus Christus Mensch geworden? Sozusagen “fleischgewordene Kommunikation”, wie ich es in diesem früheren Text hier ausgeführt habe? Ja, das ist ein wichtiger Aspekt, aber es geht noch weiter. Denn der christliche Gott ist dreifaltig: Ein Gott in drei Personen. Und jetzt habe ich einmal eine Frage an die Frommen: War Gott immer schon dreifaltig oder ist er es erst geworden? Jesus Christus gibt’s immerhin erst seit Mariä Empfängnis und der Heilige Geist entstand erst zu Pfingsten durch “Ausgießung”. Also: War Gott immer schon dreifaltig oder hat er sich erst später gespalten? Die Antwort sollte nicht schwer fallen:

„Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.“ (Heb 13, 8)

Die Geburt Jesu Christi war eine Inkarnation, eine Fleischwerdung. Und das bedeutet, dass etwas bereits Vorhandenes in die Welt eintrat. Ebenso der Heilige Geist: Was „ausgegossen“ wird, muss bereits vorhanden sein. Gott streckt sich mit zwei seiner Personen in die Schöpfung hinein – ähnlich wie ein Mensch, der zwei seiner Arme unter Wasser taucht. Für viele Christen beginnt die Heilsgeschichte erst mit dem Evangelium. Sie vergessen dabei, dass es Gott und sein Wort schon immer gab und dass er gerade deshalb auch für Atheisten hochrelevant ist – ob sie es nun glauben oder nicht.

Macht des Wortes Wortmacht Machtwort

Die Macht des Wortes: Wortmacht oder Machtwort?

„Das Wort“ ist die Macht schlechthin, es hat die Welt erschaffen. Und das ist keine fromme Theorie, sondern empirisch nachprüfbar. Denn jeder Fortschritt in der menschlichen Kulturgeschichte fand entlang jener Innovationen statt, die „das Wort“ verstärkten, bündelten und auf eine neue Ebene hoben. Je perfekter die Möglichkeiten der menschlichen Kommunikation genutzt wurden, umso mehr Wohlstand herrschte. Einige historische Beispiele:

  • Die Erfindung der abstrakten Schriftzeichen des Alphabets läutete die Blütezeit der griechischen Philosophie ein. Der Mensch analysiert sich, erkennt sich, schafft die grundlegenden Begriffe der „Innenwelt“ und „Außenwelt“. Diese klaren Strukturen im Denken machen große Reiche wie das römische Imperium erst möglich, denn erst jetzt können effektive Verwaltung und Bürokratie entstehen.
  • Die Erfindung des Buchdrucks revolutioniert das Lernen: Lesen und Wissen sind von nun an nicht mehr nur einer Elite vorbehalten, die Bildung der Massen schreitet voran. Flugblätter und Bücher werden nicht mehr nur in den internationalen Gelehrtensprachen Latein und Griechisch veröffentlicht, sondern in den Landessprachen. Das erleichtert einerseits das „Lesen lernen“, andererseits entsteht dadurch auch ein zunehmendes National- und Gemeinschaftsbewusstsein.
  • Die elektronischen Medien Radio und Fernsehen entstehen erst, nachdem der Nationalstaat bereits seinen Zenit überschritten hat und zum Faschismus degenerierte. Sie machen die Kommunikation wieder ganzheitlicher erlebbar. Dem durch die Selbstanalyse inzwischen hochfragmentierten Menschen genügt es nicht mehr, Sachverhalte rational zu durchdringen. Er möchte Ereignisse auch emotional erfassen. Das „Infotainment“ in Fernsehen und Radio ist eine Erfüllung dieses Wunsches.
  • Mit dem Internet wird die redaktionelle Dienstleistung der Auswahl und Aufbereitung von Nachrichten automatisiert. Jeder ist nun gleichzeitig Sender und Empfänger. Was relevant ist, wird von Algorithmen ausgewählt und individuell auf den Nutzer zugeschnitten. Die Geschwindigkeit und Individualisierung von Kommunikation hat damit einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Wirtschaftliches Handeln wird zunehmend ins Internet verlagert.

Für all diese Innovationen gilt: Sie nutzen nur denen, die an ihnen teilhaben können oder wollen. Und immer besteht die Gefahr des Missbrauchs: Gesichtslose Bürokratie, kalter Materialismus, Faschismus, Datenklau und Big Brother – all das waren und sind böse Geister, die der Fortschritt mit sich brachte. Doch diese Ungeister haben in der Geschichte nicht gesiegt und werden auch in Zukunft nicht siegen. Denn die treibende Kraft in der Geschichte ist „das Wort“, das die Welt und die Menschheit immer mehr durchdringt. Ein Christ der im Vater Unser „Dein Reich komme“ sagt, aber das Internet und seine Folgeinnovationen ablehnt, hat darum etwas Grundlegendes nicht verstanden: Technologien sind keine Macht. Sie dienen der Macht des Wortes. Eine Macht, die in Armut und Elend in die Welt kam, um sie fundamental zu verändern:

„Ja, vergessen sind die früheren Nöte, sie sind meinen Augen entschwunden. Denn schon erschaffe ich einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ (Jes 65, 17)

Diese Zeilen entstanden etwa 700 Jahre vor der Geburt Jesu, mehr als 2700 Jahre vor dem Internet. „Macht“ heißt nicht „Revolution“ und plötzlicher Umsturz. Doch „das Wort“ gestaltet die Geschichte. Lassen wir es zu.

Das Statement an den Grenzen des Dialogs

Wir sind offen, wir sind tolerant, wir können über alles reden. Und doch gibt es deutliche Grenzen des Dialogs in unserer Gesellschaft.

Ich bin ganz entschieden für Kommunikation, für das miteinander-reden. Und ich kann es nicht leiden, wenn wem der Mund verboten werden soll. Egal, ob er/sie Dutschke heißt oder Schwarzer, Pirnicci oder Matussek. Widersprechen darf und soll man – aber ausgrenzen und abschießen? Niemals! Ich habe die Intoleranz gegenüber anderen Meinungen in den Sozialen Medien thematisiert. Die Antworten waren ernüchternd: Prinzipiell waren nämlich immer die anderen schuld! Eher links stehende Freunde wiegelten jede Kritik mit dem Hinweis auf den Anstieg rechter Gewalt ab, die rechte Fraktion machte dasselbe in grün – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wer sich Kritik jedoch allein mit dem Hinweis darauf verbietet, dass andere “noch schlimmer” seien, der ist vor allem eines: Schlimm.

Denn damit sind wir an den Grenzen des Dialogs angekommen. Wie will man mit jemandem diskutieren, für den sein Zweck alle Mittel heiligt? Der sich und sein Grüppchen als ewiges Opfer sieht und damit zum “zurückschlagen” berechtigt? Man kann es nicht. Und man sollte es nicht.

Grenzen des Dialogs Wutbürger

Die Grenzen des Dialogs wie sie einem bei Facebook täglich begegnen. Name und Adresse wurden von mir entfernt. Der Verfasser dieses Aushangs scheint sich immerhin in Behandlung zu befinden.

Es wäre nämlich ganz einfach vergeudete Zeit. Es gibt dennoch ein Gegenmittel – und wie so oft findet man es im Evangelium: Bei sich selbst anfangen.

Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und dabei steckt in deinem Auge ein Balken? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen. (Matthäus 7, 3-5)

Stellen Sie sich doch einmal vor, wenn das jeder beherzigen würde! Wie leer dann doch die Facebook-Timeline und die Talkshows wären – von den Boulevardblättern ganz zu schweigen. Parteien würden sich endlich ihrer eigenen Uneinigkeit und Eitelkeit stellen. Sachliche Arbeit und Fakten würden die Politik regieren. Persönliche Angriffe, hektische Überreaktionen und Geldverschleuderung wären ausradiert. Eva Herman würde noch die Nachrichten lesen, während ihr der alternde Rudi Dutschke im Kreis seiner Enkel dabei zusieht. Und Donald Trump wäre bereits vor einigen Jahren explodiert. Das Paradies! Daher der Appell: Halten Sie Ihr eigenes Haus rein und helfen Sie anderen. Das ewige herummäkeln bringt uns nicht weiter.

Ja aber, ich bin doch ein armes Opfer! Nicht wahr? Ja was ist denn nun, wenn plötzlich die ganze Welt gegen mich ist, mich hasst, mich verfolgt oder mir zumindest meine Existenzgrundlage unter den Füßen wegzieht, wenn ich als Publizist unangenehme Dinge anspreche? Was sagt die Bibel dann? Nun, dem ein oder anderen wird nicht entgangen sein, dass auch Jesus Christus selbst ein Opfer von übler Nachrede und Verrat war. Seine Existenzgrundlage endete am Kreuz. Die Passionsgeschichte ist darum das beste Beispiel, wie man sich auch in einem medialen Shitstorm verhalten sollte. Die folgende Bibelstelle hat mich in der Beziehung schon immer schwer beeindruckt:

“Als Jesus vor dem Statthalter stand, fragte ihn dieser: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Du sagst es. Als aber die Hohenpriester und die Ältesten ihn anklagten, gab er keine Antwort. Da sagte Pilatus zu ihm: Hörst du nicht, was sie dir alles vorwerfen? Er aber antwortete ihm auf keine einzige Frage, sodass der Statthalter sehr verwundert war.” (Matthäus 27, 11-14)

Jesus gibt kein Statement ab, er ist ein Statement. In diesem Moment hat der Meister des Dialogs die Grenzen des Dialogs erreicht. “Du sagst es.” Mehr gibt es nicht zu sagen. Ich kann darum allen Stalking-Opfern nur raten: “Bleib höflich und sag nichts, das ärgert sie am meisten.” (Die Ärzte)

Nicht drauf eingehen. Wenn der Vorwurf falsch ist, einfach weiterarbeiten als sei nichts gewesen. Ich muss niemandem beweisen, dass ich kein Nazi bin. Oder kein Autonomer. Ich bin’s nicht und ich werd’s nie sein. Warum also verteidigen? Bringt nichts, nur heiße Luft. Und davon gibt es schon viel zu viel.