Simbabwe: Stillstand im „Brotkorb Afrikas“?

Jahrzehntelang stand der Name des ehemaligen Rebellenführers und Diktators Robert Mugabe für Unterdrückung und Gewaltherrschaft in Simbabwe. Er wirtschaftete das landwirtschaftlich ertragreiche Land herunter und errichtete ein umfassendes Spitzelwesen, das jede gesellschaftliche Veränderung so gut wie unmöglich machte. Auch nach Mugabes Tod schaffte es das Land bisher nicht, sich von seinem Erbe zu lösen. Als Ergebnis treibt der Stillstand vor allem die gut ausgebildeten jungen Menschen in die Emigration. Über die bewegte Geschichte und die Zukunftsperspektiven Simbabwes spreche ich in dieser Ausgabe von “Weitblick” mit dem Journalisten Dr. Johannes Mehlitz, der sich seit Jahren mit dem südlichen Afrika befasst.

Brasilien: Obdachlosen während der Coronavirus-Pandemie helfen.

Pater Christian Heim leitet eine „Fazenda da Esperanca“ im Osten Brasiliens. Auf diesen „Bauerhöfen der Hoffnung“ bekamen vor Ausbruch der Coronavirus-Pandemie nur Suchtkranke eine neue Chance. Doch mitten im gesellschaftlichen Chaos von Lockdown und Kontaktbeschränkung bekamen die „Fazendas“ plötzlich eine neue Mission: Obdachlosen zu helfen. Nicht ohne Bedenken, aber voller Vertrauen folgten Pater Christian und seine Mitbrüder dem neuen Ruf und erfuhren, dass das Vertrauen auf Gott jeden ernährt, der die Armen und Schwachen bei sich aufnimmt. Ein Gespräch über das Leben im Ausnahmezustand, das ohne die ständige Gegenwart Gottes unmöglich wäre, und über eine alles überstrahlende Hoffnung, die jedes Jammern verbietet und bedingungslos neues Leben schenkt:

Hermann Gröhe: Die Religionsfreiheit 2021 aus Sicht der deutschen Politik

Das weltweite katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ hat im April 2021 seinen aktuellen Bericht über die Lage der Religionsfreiheit in fast allen Ländern der Welt veröffentlicht. Darin spielen sowohl die Bedrohung der Freiheit durch autoritäre politische Systeme und den radikalen Islamismus als auch die aktuellen weltweiten Einschränkungen des Glaubenslebens im Zuge der Corona-Pandemie eine Rolle. Über die wichtigsten Erkenntnisse des „Religionsfreiheitsberichts 2021“ und die sich daraus ergebenden Aufgaben für die deutsche Politik spreche ich mit Hermann Gröhe, Vize-Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU im Deutschen Bundestag und Beauftragter der Fraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften in dieser Ausgabe von “Weitblick”.

Von Trump zu Biden: Der Machtwechsel aus kirchlicher Sicht

Die Präsidentschaftswahlen in den USA sind entschieden: Mit Joe Biden ist zum zweiten Mal in der Geschichte ein Katholik ins Weiße Haus eingezogen. Sein Vorgänger Donald Trump hat durch seinen Politikstil die Spaltung der US-Gesellschaft und der Kirche vertieft, doch gleichzeitig manche Christen für sich gewonnen. Aus deren Sicht vertrat er konservative Werte und hat entscheidende Machtpositionen in diesem Sinne besetzt. Werden es kirchliche Standpunkte unter Präsident Biden schwerer haben? Wird ihm die Versöhnung der Gesellschaft gelingen? Und inwieweit wird sein persönlicher Glaube eine Rolle spielen? Diese Fragen beantwortet mir Michael Hochgeschwender, Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, in dieser Ausgabe von “Weitblick”.

Maria und der “Bub am Altar”

… einige Gedanken zum aktuellen kirchlichen Aufregerthema

Wenn es in Kirchendiskussionen um die Rolle des Menschen im Allgemeinen und der Frau in der Kirche im Besonderen geht, fällt mir immer meine Oma ein. Sie war eine Bäuerin und behandelte den Priester ihres Dorfes zeitgemäß als Hochwürden mit allen Ehren. Aber wehe, er fiel in seiner Predigt auch nur einen Millimeter vom Glauben ab. Dann stürmte sie in die Sakristei und las ihm die Leviten. Als ich sie als Kind einmal fragte, ob sie in Anbetracht ihres Glaubens und Wissens nicht selbst Priester werden wolle, grinste sie nur schelmisch. Sie sagte nicht laut, was ich in diesem Moment sofort verstand: Der mächtigste Mensch des Dorfes brauchte kein Amt wie der „Bub am Altar“.

Und heute? Die Kirche glaubt nicht an die Gleichheit der Menschen. An Gleichwertigkeit schon, aber „gleich viel wert“ ist etwas anderes als „gleich“. Die Bibel drückt das in Bezug auf die Geschlechter so aus: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.“ (Gen 1, 27) Wozu diese Unterscheidung, wenn Mensch gleich Mensch ist? Jede und Jeder hat eine besondere Bestimmung und Begabung, auf Frommdeutsch nennt man das „Charisma“.

Die Frage danach, wie das Charisma des Mannes in der Kirche aussieht, wurde mir im Jahr 2006 auf Heilungsexerzitien gestellt. Der Exerzitienleiter konfrontierte mich mit dem Satz: „Das Vorbild des Mannes ist Christus am Kreuz.“ Das hat gesessen. „Aufopferung“, „Selbstverleugnung“ und „sich selbst ganz für andere hingeben“ klingt zunächst wenig erstrebenswert. Aber wenn ein Mann nicht mindestens dreimal täglich „Dein Wille geschehe“ vor sich hinmurmelt, wird er in einer Ehe nicht glücklich. Und als Priester ist er genau deswegen ehelos.

Was dagegen ist das biblische Charisma der Frau in der Kirche? Da führt kein Weg an Maria vorbei. Sie ist nicht nur das Urbild einer Mutter, die niemals von der Seite ihres Kindes weicht. Maria hat den direkten „Draht nach oben“. Etablierte Strukturen und Konventionen greift sie nicht an, sondern unterläuft sie indirekt. „Sie haben keinen Wein mehr“, sagt Maria auf der Hochzeit zu Kana zu Jesus. Nicht: „Schatz, könntest Du bitte Wein besorgen?“ Sie stellt vor Tatsachen, anstatt zu bitten. Maria findet Wege für die gute Sache, wo Männer vor lauter Regeln nicht mehr weiterwissen. Sie ist die Unterstützung, die den „Bub am Altar“ trägt. Will sie sein Priesteramt? Die Antwort ist ein schelmisches Omalächeln.

Maria - Die Frau in der Kirche
Die Frau an sich steht gerne in Grotten.

Ostern ist ein Skandal … !

Da gerade wieder tausend fromme Texte über die Bedeutung von Ostern im Netz herumschwirren, hier eine kleine Faktensammlung. Ostern ist ein Skandal, denn dabei feiern Christen folgendes:

  • Ein Mann wurde am Kreuz brutal hingerichtet, begraben und lag drei Tage mausetot im Grab.
  • Nach drei Tagen wurde er plötzlich wieder lebendig und stand auf.
  • Obwohl weder zu Lebzeiten ein Schwarzenegger noch nach der Kreuzigung in sonderlich guter Verfassung, überwand er den zentnerschweren Felsblock, der das Grab verschloss.
  • Wieder an der frischen Luft begegnete er vielen seiner alten Weggefährten, die ihn zwar erst alle nicht wiedererkennen, dann aber derart überzeugt von seiner Story sind, dass sie eine Weltreligion gründen.
  • Sie sagen: Der Mann war „Gottes Sohn“, d.h. eine Materialisierung Gottes in Zeit und Raum.
  • Der Mann starb und stand nicht für sich selbst wieder auf, sondern überwand damit für alle Menschen ein ehernes Naturgesetz. Konkret heißt das: Weil er starb und wieder auferstand, werden alle Menschen, die an ihn glauben, selbst auch wieder auferstehen.

Sorry, aber wenn man das so liest, klingt das für heutige Ohren wie „Fake News“. Würdest Du das glauben, wenn Dir das exakt so heute eine russische Nachrichtenagentur melden würde? „Alles Spinner jenseits der Wolga“, würde man murmeln und die Meldung wegklicken. Während die ersten drei Punkte noch eine gute Hollywood-Story hergeben, sind die letzten drei schlicht und einfach nur „unglaublich“. Eine derart der täglichen Erfahrung widersprechende abstrakte Gedankenkonstruktion scheint offensichtlich darauf abzuzielen, den Menschen mit ausgedachten „Fake News“ die Angst vor dem Tod zu nehmen und damit ein erfolgreiches Geschäftsmodell zu starten.

Ostern ist ein Skandal

Wer tot ist, bleibt immer tot. Oder etwa nicht?

Das wäre möglich.

Oder aber, es ist alles wahr. Hinweise darauf gibt es. So zum Beispiel, dass die Weggefährten des Mannes keinen Profit aus der „unglaublichen Geschichte“ schlagen konnten, aber trotzdem an ihr festhielten. Die meisten von ihnen wurden deshalb sogar umgebracht. Und selbst diejenigen, die die neue Lehre ausrotten wollten, konnten sich das leere Grab nicht erklären. Denn die römische Armee hatte es bewacht. Trotz Verfolgung und Unterdrückung hielt sich die Botschaft im östlichen Mittelmeerraum und gelangte schließlich nach Rom. Von dort aus wurde sie Kern dessen, was wir „Europa“ und „Abendland“ nennen. Christen, denen ihr Glauben rein materielle Vorteile verschaffte, gab es erst viele Jahrhunderte später. Also wäre die Sache zumindest für die Weggefährten des Mannes eine – mit Verlaub – saudumme Geschäftsidee gewesen.

Aber gut, viele Menschen machen Dummheiten und verlieren dabei ihr Leben. Warum ich die Geschichte glaube, liegt an ihrer übermenschlichen Stimmigkeit. Was meine ich damit? Nun die meisten Weltreligionen haben in sich stimmige Welt- und Gotteserklärungskonzepte nach den Regeln des „gesunden Menschenverstandes“ aufgebaut. Das haben sie, wie Chesterton einmal bemerkte, mit Geisteskranken gemein, denn auch deren Weltbilder sind in sich schlüssig. Nicht so das Christentum. Ostern ist nicht logisch oder nach menschlichem Ermessen stimmig. Ostern ist ein unfassbarer Einbruch der Transzendenz. Ostern ist ein Skandal, an dem sich die Geister scheiden.

Und genau das passt zum Mann am Kreuz und im Grab, passt zu Jesus Christus. Ein einfacher Sohn eines Zimmermanns kommt da plötzlich mit einer revolutionären Ethik, einer Philosophie und einer Heilsbotschaft daher, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Wo um alles in der Welt hatte er seine Weisheiten her? Wie kam er auf die ungeheuerlichen Dinge, die er sagte und tat? Der Mann ist ein Rätsel, das unlösbar bleibt, so lange man seinen Worten nicht glaubt: “Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.” Wer ihm folgt, folgt keinem Menschen sondern einer übermenschlichen Botschaft, einer Offenbarung. „Liebt eure Feinde!“ Das ist nicht menschlich, das schaff‘ ich nicht mal im Straßenverkehr, aber ist es deshalb „Fake News“? Nein, das führt weiter, viel weiter. Wer an Ostern glaubt, begibt sich auf schwankenden Boden. Ostern ist unglaublich, nicht zu beweisen. Aber es passt zu Jesus Christus, darum ist es glaubhaft.

Das heißt nicht, dass ich nicht skeptisch bin. Aber ich glaube und bin gespannt auf meine eigene Auferstehung. Und wer mich deshalb belächelt, der sollte mal überlegen, was ich dadurch riskiere. Genau. Nichts.

Die Fastenzeit mit Fight Club verstehen

Die katholische Kirche und Chuck Palahniuk mögen wenig miteinander zu tun haben – die Verfilmung seines Buchs „Fight Club“ eignet sich aber hervorragend als Start in die Fastenzeit.

Fastenzeit mit Fight Club

Jesus Christus statt Tyler Durden – darum geht’s in der Fastenzeit …

Die Fastenzeit mit Fight Club einzuläuten – das ist nicht so abwegig wie es klingt, denn einige Zitate aus dem Film scheinen quasi am Aschermittwoch geschrieben worden zu sein:

„Zuerst musst du wissen, nicht fürchten, sondern wissen, dass du einmal sterben wirst.“

Genau darum geht es am Aschermittwoch in der Kirche: „Gedenke, Mensch, dass du Staub bist und zu Staub zurückkehrst“, sagt der Priester, wenn er den (mehr oder weniger) Gläubigen ein Kreuz aus Asche auf den Kopf streut. Das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit geht mir im Alltag oft komplett ab – in der Fastenzeit soll dieser Alltag durchbrochen und wieder auf tragfähige Fundamente gestellt werden. Dazu muss ich mir klar machen, was Fight-Club-Held Tyler Durden mit den folgenden Worten beschreibt:

„Du bist nicht dein Job! Du bist nicht das Geld auf deinem Konto! Nicht das Auto, das du fährst! Nicht der Inhalt deiner Brieftasche! Und nicht deine blöde Cargo-Hose! Du bist der singende, tanzende Abschaum der Welt.“

Wer ein Problem mit dem Begriff „Abschaum der Welt“ hat, dürfte vermutlich auch ein Problem mit dem Begriff „Sünde“ haben. Ohne die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen wäre aber die Fastenzeit und damit auch Ostern selbst sinnlos. Nur weil die ursprüngliche Krone der Schöpfung sich zum „Abschaum der Welt“ entwickelte, musste Gott seinen Sohn auf die Welt schicken. Nur weil sich der Mensch so weit von dem entfernt hatte, was er eigentlich ist, musste Jesus Christus sterben und auferstehen. Mal wieder herunterzukommen vom täglichen hohen Ross und meine eigene Erlösungsbedürftigkeit im ganzen Ausmaß zu begreifen – darum geht es in der österlichen Bußzeit. Nur wenn ich mir meiner Lage bewusst werde, kann ich mich ändern:

„Eine ganze Generation zapft Benzin, räumt Tische ab und schuftet als Schreibtischsklaven. Durch die Werbung sind wir heiß auf Klamotten und Autos, machen Jobs die wir hassen und kaufen Scheiße, die wir nicht brauchen. Wir wurden durch das Fernsehen in dem Glauben aufgezogen, dass wir alle mal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars. Werden wir aber nicht, und das wird uns langsam klar.“

Diese knallharte Analyse in „Fight Club“ unterscheidet sich nicht von der eines gläubigen Christen: Dieses materialistische „vor-sich-hin-leben“ bringt’s nicht, beutet mich nur aus, macht mich kaputt. Nur ist die Schlussfolgerung eines Christen eine andere als die in „Fight Club“. Während der Held dort einen wütenden Aufstand gegen die Gesellschaft beginnt und schließlich eine faschistische Terrororganisation gründet, um die Welt zurück in die Steinzeit zu bomben, findet die menschliche Verzweiflung im Christentum ein besseres Ventil: Ich muss mich ändern, nicht die anderen. Durch Gebet, intensive Suche nach Gott und aktive Nächstenliebe.

Das ist gelebte Fastenzeit und das tut mir gut.

Zum Lutherjahr 2017: Die Medienrevolution “Buchdruck” und wie der Reformator davon profitierte.

2017 ist Lutherjahr, das heißt: 500 Jahre ist es nun schon her, dass Martin Luther seine Thesen an die Wittenberger Schloßkirche anschlug. Überall im Land wird zurzeit dieser umwälzenden Tat gedacht. Was dabei kaum jemand bedenkt: Luther war damals weniger innovativ, als vielmehr Nutznießer einer Medienrevolution.

Der Reformator war der Steve Jobs der Renaissance: Er hatte das Glück, genau zur richtigen Zeit geboren zu werden, denn ohne die revolutionären Umwälzungen des Buchdrucks wäre er ein mit sich und der Kirche hadernder Mönch ohne Massenwirkung geblieben. Seien wir ehrlich: An eine Kirchentür genagelte Thesen sind zwar ein Affront, aber die direkte Wirkung dieses Mediums beschränkte sich auf etwa fünf Meter Sichtweite.

Wie genau Martin Luther von der Medienrevolution des Buchdrucks profitierte und was sich dadurch in Kirche und Gesellschaft änderte, führe ich zum Lutherjahr 2017 in diesem Artikel in der “Tagespost” aus (klicken).

Lesetipp: Mediale Betrachtungen in Zeiten des Terrors …

… oder vielleicht besser: Terrorbetrachtungen in Zeiten der Medien?

In der empfehlenswerten Tageszeitung “Die Tagespost” habe ich die aktuelle Medienberichterstattung zur “Bedrohung” durch den Terror aus Sicht der Theorien des Medienwissenschaftlers Marshall McLuhan beschrieben und einige biografische Hintergründe über den Katholiken McLuhan zusammengetragen.

Den Artikel finden Sie hier (klicken)!

“Gott” ist ein schönes Wort – aber was bedeutet es?

Warum heißt Gott eigentlich Gott? Wo kommt das Wort her? Und was hat diese Frage mit uns Deutschen zu tun? Also was unterscheidet „Gott“ zum Beispiel vom französischen „Dieu“ oder dem spanischen „Dios“? Folgen Sie mir, es wird interessant!

Fangen wir mit unseren südwestlichen Nachbarn an: Die Wurzel für „Dieu“ und „Dios“ liegt im lateinischen Wort „deus“. Dieses Wort wiederum stammt von „dies“, was „Tag“ oder im Ursprung auch „Himmel“ bedeutet. Der römische Göttervater heißt Jupiter – dieser Name setzt sich zusammen aus „Dies“ und „Pater“, was man mit „Himmelsvater“ übersetzen kann. Damit verbindet sich die Vorstellung eines autonomen überirdischen Wesens, das über seine Schöpfung wacht.

Wort Gott Herkunft

Das ist es. Doch woher kommt es?

Woher kommt nun das Wort „Gott“? Dafür gibt es zwei Theorien, denen ich eine Dritte hinzufügen werde. Bis in die Wikipedia hinein haben es zwei indogermanische Wurzeln geschafft. „Gheu“ für „(an)rufen“ oder „gießen“ führte demnach zu „ghuto“ und dies zu „Gott“. Nun besteht zwischen „anrufen“ und „gießen“ ja ein kleiner Unterschied, darum denken wir doch mal beide Wurzeln zu Ende.

Würde „anrufen“ im Wort „Gott“ stecken, würde es ausnahmslos jedes jenseitige Wesen bezeichnen, das je von den Menschen um Hilfe gebeten wurde. Das wäre aus zwei Gründen seltsam: Zum einen würden den damaligen Menschen dann für Engel, Dämonen und Geister die Worte fehlen – und das war bei unseren abergläubischen Vorfahren nun nachweislich nicht der Fall. Und zum zweiten hätten unsere Vorfahren ihren „Gott“ dann schon durch die Definition als mit Bitten zu bestürmendes und beeinflussbares Wesen erkannt. Die Allmacht, Unberechenbarkeit und Schöpfungsgewalt bliebe durch so eine Sicht schon sehr auf der Strecke. Man wäre bei der Begriffsbildung dann nämlich nicht vom zu beschreibenden Objekt, sondern vom Menschen ausgegangen: Gott ist der, den Menschen anbeten. So eine Aussage geht vom Subjekt aus, ist konstruktivistisch und somit sehr modern. Mit derselben Logik könnte man ein Flugzeug als „Gerät, in das sich Menschen hineinsetzen um durch die Luft von a nach b zu gelangen“ beschreiben. Das ist nicht falsch, es würde so aber niemand sagen. Viel eher würde man von den Eigenschaften des Objekts ausgehen und sagen „ein Flugzeug ist ein Gerät, das fliegt“. Daher ist es logischer, dass unsere Vorfahren mit dem Wort „Gott“ vor allem dessen Wesen beschreiben wollten und nicht, wie sie zu ihm stehen. Ist das beim Wort „gießen“ der Fall? Nicht, wenn man der Mehrheit der Etymologen (also Wortwurzelforschern) glaubt. Die sagen nämlich, „gießen“ weise auf dargebrachte Trankopfer hin, es gehe also in dieselbe Richtung wie die erste Erklärung: Gott ist der, dem Menschen Opfer darbringen. Das leuchtet mir wie gesagt nicht ein. Viel stimmiger finde ich, dass Gott als „Ausgießer“ von Gnaden, Glück und gutem Wetter betrachtet wurde. Das würde auch viel stärker mit der romanischen Sicht des Jupiter als Himmelsvater zusammenpassen.

So, aber jetzt wird’s richtig wild, denn jetzt kommt auch noch das Wort für die Deutschen ins Spiel! Wie wir aus „Asterix“ wissen, hießen die ja mal „Goten“. Hoppla. Merken Sie was? Ja genau: Das ist derselbe Wortstamm! Allerdings in einer etwas schlüpfrigeren Variante, darum lassen Sie mich hier sicherheitshalber aus der seriösen „Geschichte der Westgoten“ von Gerd Kampers (S. 24) zitieren: „Es dürfte sich bei „Gutones“ (Goten) um ein nomen agentis im Sinne von ‚Samen ergießen‘ handeln.“ Äh, Moment, Herr Kampers!? Wollen Sie uns damit sagen, dass sich unsere Vorfahren selbst freiwillig und kollektiv als „Samenergießer“ bezeichnet haben!? Asterix bei den Samenergießern? Kann nicht sein, oder!?

Doch, es sieht ganz so aus – und damit wären wir mal wieder bei einem guten alten Problem der Historiker: Man geht bei der Betrachtung früherer Zeiten immer von sich selbst und seinem aufgeklärten, emanzipierten und hochgeistigen Leben aus. Das funktioniert aber nicht, denn unsere chauvinistischen Macho-Vorfahren tickten aus vielen Gründen noch ganz anders. Überträgt man die Erkenntnis des Wortes „Goten“ nun auf „Gott“, dann ist er der Lebensspender und der Schöpfer. Das ist doch schon eine deutlich andere Sichtweise als die eines angebeteten Götzen und passt ebenso wunderbar zu den nördlich der Alpen hinreichend bekannten Fruchtbarkeitskulten wie auch zur romanischen Deutung des “Vaters”. Denn was ist ein Vater anderes als ein …, na, Sie wissen schon!

Nun sind wir heute keine Goten mehr, sondern Deutsche. Aber Gott heißt immer noch Gott. Was macht dieses Wort mit uns? Es sollte uns Gläubigen reiche Frucht bringen und ein Leben in Fülle verheißen. Zum Abschluss ist das doch noch ein schöner Gedanke zu einem schönen Wort mit leicht unschöner Herleitung.